Freitag, 12. Juni 2026

gelber tüll und buchstaben- mut

                                                   Foto: Uli Boll, Manderscheid

der weg ist vorgegeben, man könnte ihn aber in beide richtungen gehen. nach links gibt es keinen zaun: ist das versuchung vom weg abzuweichen? 

der rechte stacheldrahtzaun hielte mich heute ab. vor siebzig jahren hatte ich einen zitronengelben petticoat aus zartem tüll. sehr stolz war ich, aber leider verhielt ich mich nicht "mädchenhaft" für diese kleidung. ich kroch zwischen zwei gespannten drähten aus stacheldraht auf die wiese. warum weiß ich nicht mehr, vielleicht wollte ich blumen pflücken. 

viele kleine risse im tüll gab es, auch im kleid einige wenige. heulend lief ich zu meiner tante rola und sie reparierte mir unter vielem schimpfen mein schmuckstück. es dauerte einige zeit, ehe meine mutter die fehlstellen bemerkte. dieser tüll- unterrock war der einzige seiner art im meinem leben. ich war kein mädchen für modische neuheiten, eher für den vierfalten-rock in pepita.

 


manchmal mußte ich vom vorgezeichneten weg abbiegen, meinen eigenen suchen. ich sah, es gibt auch andere. es stimmt nicht, dass verkündet wurde, wer A sagt, muß auch B sagen, es gibt auch F oder D oder...  

ich lese: Warum glücklich statt einfach nur normal?, Jeanette Winterson, Hanser - gefällt mir sehr, ist bewegend und anregend, voller denkanstösse.  


 

Donnerstag, 4. Juni 2026

menschliche regeln, sonniges maar

                                              Meerfelder Maar, Foto: Uli Boll, Manderscheid
 

die lücke der falschen herkunftsfamilie ist nicht einfach zu überdecken, und geschlossen werden kann sie wohl nie richtig. betroffene halten sie für ein manko, ich sehe das spüren dieser lücke als einen wertvollen erfahrungshintergrund, mit dem sich die welt aus anderer sicht verstehen läßt. meine erfahrung hat mich gelehrt, dass auch fleissiges lernen und beobachten in der schule oder bei zusammenkünften zu mißverständnissen führen können.

als kind wußte ich nicht, dass manche menschen butterbrote mit messer und gabel essen. ich kannte keinen rubin, nach dem im intelligenztest gefragt wurde. auch ungeschriebene regeln gelten und führen zu schubladen, in die menschen eingeordnet werden. status und armut bestimmen mehr, als ich in den jahren des aufbruchs je dachte. früher dachte ich lesen bildet. das stimmt nur, wenn auch empathie wachsen kann, wenn lebendigkeit und menschenfreundlichkeit erfahren wird und gelebt werden kann.

„Alle Dinge enden, wenn ihre Anfänge nicht intakt gehalten werden. Laßt uns nicht Blumen züchten, sondern Knospen.“ ―Charlotte Wolff

 

  

gelber tüll und buchstaben- mut

                                                   Foto: Uli Boll, Manderscheid der weg ist vorgegeben, man könnte ihn aber in beide richtun...