Donnerstag, 30. Juni 2022

Muße und Langsamkeit




 " Weshalb ist das Vergnügen an der Langsamkeit verschwunden? Ach, wo sind sie, die Flaneure von einst? Wo sind sie, die faulen Burschen der Volkslieder, diese Vagabunden, die gemächlich von einer Mühle zur anderen zogen und unter freiem Himmel schliefen? Sind sie mit den Feldwegen, den Wiesen und den Lichtungen, mit der Natur verschwunden? Ein tschechisches Sprichwort beschreib ihren süßen Müßiggang mit einer Metapher: sie schauen dem lieben Gott ins Fenster. Wer dem lieben Gott ins Fenster schaut, langweilt sich nicht; er ist glücklich.

In unserer Welt ist der Müßiggang zur Untätigkeit geworden, und das ist etwas ganz anderes: der Untätige ist frustriert, er langweilt sich, ist beständig auf der Suche nach der Bewegung, die ihm fehlt."

Zitat aus: Milan Kundera, Die Langsamkeit, Hanser 1995  

Mir fiel beim Lesen zunächst einmal auf, dass nur von Vagabunden, Burschen und Flaneuren die Rede war. Gab oder gibt es auch Vagabundinnen und Flaneurinnen? Die weibliche Gegenstück zu Burschen wäre Mädchen, das finde ich auch unpassend, es verniedlich die Person, während sich Burschen so aktiv und kraftvoll anhört.

Früher wäre ich sicher gerne eine Vagabundin gewesen, eine freundliche und witzige Frau, die ohne Angst ihre Welt anschaut und erobert ohne zu unterdrücken. Ich wäre gerecht und stark gewesen, mit ganz viel Kraft und Zärtlichkeit. Aber das kann ich auch heute als alte Frau sein, wer oder was sollte mich hindern? Und zwischendrin bin ich Flaneurin und freue mich zu leben. 

Müßiggang ist aller Laster Anfang, lehrte mich meine Mutter. Lange dauerte es, bis ich den Fehler erkannte. Müßiggang ist Offenbarung, ein Angebot des Lebens und Luxus, er lehrt mich denken.  

Sonntag, 26. Juni 2022

altes Handwerk

 


Der Bronzetorso eines Gerbers in Neckarsteinach vor der Sparkasse erzählt von einer vergangenen Tradition. Diese 70 Zentimeter hohe Bronzeplastik wurde 1997 enthüllt. Beschränkt auf das Wesentliche, auf die Darstellung der rindenähnlichen Haut von Gesicht, Brust, Armen und Händen, zeigt dieses Kunstwerk eindringlich die schwere Arbeit der Gerber.

Die Schöpferin der Bronze, Marianne Wagner, erklärte dazu, dass die gegerbte Haut und vor allem die großen Hände den Schmerz über das verlorengegangene „Handwerk“ symbolisieren, das heute in vielen Bereichen vom Computer abgelöst wurde.



Ist es nicht an der Zeit mehr über Handwerk nachzudenken? Die Kinder die Freude über etwas selbst Gestaltetes erfahren zu lassen, anstatt ihre Fähigkeiten an den elektronischen Geräten zu fördern? 





Dienstag, 21. Juni 2022

Reisen durchs Leben

                                                     

Vom "gelingenden Leben" handeln viele Märchen. Wem gelingt das Leben in den Märchen?

"Es gelingt denen, die die Fähigkeit haben, nicht nur sich selber, sondern die Menschen und die Welt um sich herum wahrzunehmen. Und es gelingt denen, die dem folgen, woran sie ihr Herz gehängt haben, die irgendeine Leidenschaft antreibt. Und es gelingt denen, die an ihre eigenen Möglichkeiten glauben, die grundsätzlich Vertrauen in das Leben haben." (Verena Kast, Vom gelingenden Leben, dtv 2000)

Ich erkenne beim Lesen der Geschichten oft einen Wechsel zwischen Tatkraft und geduldigem Abwarten. Die Heldinnen und Helden der Märchen sind keine Menschen, die sich durch ihr Tun optimieren, sich trainieren für kommende Herausforderungen. Sie gehen ihren Weg, weil sie es als richtig ansehen, und sie haben dabei ein Grundvertrauen und werfen nicht gleich alles hin, wenn etwas nicht klappt. Schritt für Schritt kommen sie zu ihrem Ziel, trotz alledem, was unterwegs passiert. Leider sind es in den meisten bekannten Märchen Jungen oder Männer, die eine Heldenreise beginnen.

Ein Prinzessinnendasein fand ich als Mädchen nicht attraktiv, ich wollte lieber in die Welt ziehen und Abenteuer erleben. Ich wollte auch keinen Prinzen, um mir dann alles vorschreiben zu lassen und artig zu sein. Ich hatte tausend Ideen die nicht an umständlicher und zu schonender Kleidung scheitern sollten. Was war ich froh, als etwa in der sechsten Klasse Hosen für Mädchen auch in der Schule tragbar wurden. Das Leben lud immer ein zur Aktivität, leider gab es damals zu viele Stoppschilder für Mädchen.

Wie war das bei euch, den Leserinnen? Oder bei euch Lesern, konntet Ihr euch mit einem Märchenhelden identifizieren?

Gelesen habe ich unter anderem  Ada von Christian Berkel. Bei diesem Buch erlebte ich nun  nicht zum ersten Mal, wie ein Folgeband eines gelungenen Debüts schiefläuft. Die Idee, das Buch in Ich-Form zu erzählen scheint mir nicht schlüssig. Außerdem hätte diesem Roman ein strengeres Lektorat genutzt.

Dann trieb mich die Sehnsucht nach Berlin und ich las nochmal in Walter Benjamin, Stadt des Flaneurs. Dieses Buch erstaunt mich wieder. Immer neue Entdeckungen: " Es war ein prophetischer Winkel. Denn wie es Pflanzen gibt, von denen man erzählt, dass sie Kraft besitzen, in die Zukunft sehen zu lassen, so gibt es Orte, die die gleiche Gabe haben. Verlassene sind es meist, auch Wipfel, die gegen Mauern stehen, Sackgassen oder Vorgärten, wo kein Mensch sich jemals aufhält." 

Wo gibt es in meinem Ort solche Winkel? Ich werde weiter suchen.





Sonntag, 19. Juni 2022

Reisezeit, Zug fahren

 



 Antoine de Saint-Exupéry:  DER WEICHENSTELLER, aus: Der kleine Prinz 

  • »Guten Tag«, sagte der kleine Prinz.
  • »Guten Tag«, sagte der Weichensteller.
  • »Was machst du hier?«, sagte der kleine Prinz.
  • »Ich sortiere die Reisenden Tausenderweise«, sagte der Weichensteller. »Die Züge, in denen sie reisen, schicke ich mal nach rechts, mal nach links.«

Und ein grell leuchtender Schnellzug, grollend wie ein Donnern, erschütterte das Stellwerk.

  • »Sie sind in Eile«, sagte der kleine Prinz. »Was suchen sie?«
  • »Der Lokführer weiß es selbst nicht«, sagte der Weichensteller.

Da donnerte ein zweiter grell leuchtender Schnellzug in der anderen Richtung vorbei.

  • »Sind sie schon zurück?«, sagte der kleine Prinz …
  • »Das sind nicht die gleichen«, sagte der Weichensteller. »Es sind andere.«
  • »Waren sie nicht zufrieden, wo sie sich befanden?«
  • »Wir sind nie zufrieden, wo wir sind«, sagte der Weichensteller.

Und es donnerte ein dritter strahlender Schnellzug vorbei.

  • »Verfolgen sie die ersten Reisenden?«, sagte der kleine Prinz.
  • »Sie verfolgen gar nichts«, sagte der Weichensteller. »Sie schlafen in ihm oder sie gähnen nur. Nur die Kinder drücken ihre Nasen an die Fenster.«
  • »Nur die Kinder wissen, was sie wollen«, sagte der kleine Prinz. »Sie verbringen ihre Zeit mit einer Puppe und sie wird ihnen sehr wichtig, und wenn man sie ihnen wegnimmt, weinen sie …«
  • »Sie haben Glück«, sagte der Weichensteller.
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Diese alte, den meisten sicher bekannte Erzählung fiel mir ein, als ich in den Nachrichten die übervollen Züge sah. Und einen Bericht über die Saufgelage der Touristen auf Mallorca. Was suchen die Menschen woanders, was sie zu Hause nicht haben? Und dann sah ich in den Nachrichten ausgetrocknete Flüsse und Plastikberge im Himalaya, nun mag ich nicht mehr darüber nachdenken. Nach draußen zur Beruhigung kann ich heute nicht, der Himmelsplanet sticht, sogar die Meisen haben ihre Arbeiten eingestellt.   

Mittwoch, 15. Juni 2022

Träume sammeln


 "Aus den Träumen des Sommers wird im Herbst Marmelade gemacht"  hing an einer Hauswand. Das erinnerte mich an die träumerische Geschichte von der Maus Frederick.

Noch wunderbarer finde ich Erzählungen über die Jahreszeiten dazwischen. Nicht drückende Hitze oder grimmige Kälte, sondern Abwechslung. Im Laufe des Lebens lernte ich, mich den Jahreszeiten anzupassen. Es ist nicht schwer in unserer gemäßigten Zone, Ofen, Strickjacke, Sonnenschirm und Baumschatten helfen sehr. Und um Energie zu sparen ging ich schon vor Jahren dazu über Kneippgüsse zu machen. Inzwischen kann ich fast kalt duschen, nur zum Haare waschen brauche ich warmes Wasser.

Die wichtigste Erkenntnis aus dem Kinderbuch ist für mich, mit Phantasie die Umgebung wahrzunehmen und alles in sich aufzunehmen. Und dann zu anderen Zeiten Erinnerungen zu pflegen, zu erzählen und nachzudenken.

Da fällt mir ein befreundetes Berliner Ehepaar ein, Jahrgang 1907 und 1908. Sie fuhren auch mit über fünfundsiebzig Jahren immer wieder mit kurzen Bustouren in den Spreewald, zur Tulpenblüte oder wohin sonst preiswert angeboten wurde. Ihre Erklärung dieser Reisen war, sie sammelten Erinnerungen für später. Beide wurden übrigens weit über neunzig Jahre. Und erzählen konnten sie wunderbar.

Einen spannenden Feiertag wünsche ich.

   

Mittwoch, 8. Juni 2022

Alter eine Frage des Mutes?


Als der alte Mann starb hinterließ er

nur wenige kleine Kästen mit Dingen

die ihm nun nichts mehr bedeuteten.

Was später mit diesen Dingen geschah

hatte nichts mit dem Mann zu tun

aber viel mit Sterben.

roswitha

ja, ich glaube schon dass es mut braucht, um bewusst alt zu werden. es nicht einfach geschehen zu lassen und denken, oh nein, ich bin noch nicht alt. alt sind die grauhaarigen, die im einkaufsmarkt im weg stehen, die kreuzfahrten auf dem rhein wunderbar finden und zum seniorenkaffee der kirche eingeladen werden. und plötzlich wird man zum siebzigsten gratuliert, oder zum fünfundsiebzigsten. in der tageszeitung gibt es immer häufiger todesanzeigen von menschen, die im eigenen alter gestorben sind. man denkt sich, der oder die waren bestimmt krank, aber ich bin ja fast gesund. und morgens schmerzt beim aufstehen das knie, irgendwo knirscht es manchmal in den knochen. haare werden dünner, anderswo kommen welche, wo noch nie welche aufgefallen sind. man muss großzügiger mit sich werden, denke ich. und geduldiger, weil: angst vor dem alter lähmt. 

pflegen wir doch unsere lebendigkeit, feiern wir sie trotz alledem! das leben ist bunt und hinter jeder ecke gibt es überraschungen wenn wir hinschauen.

unsere welt fordert uns, aber den überforderten menschen geht es nicht besser, wenn uns auch schlecht geht. sie brauchen hilfe und anteilnahme, nicht unser lamento.

Tröstliche Erkenntnis zum Thema Gestaltwandel bei Ovid:
Alles verändert sich nur, nichts stirbt.

oder Gottfried Herder: Der ganze Lebenslauf eines Menschen ist Verwandlung.






 

Freitag, 3. Juni 2022

Schattenseiten des Lichtes

                                      


Haben Sie schon einmal die Weltkarte bei Nacht gesehen, die Lichtansammlungen um die großen Städte sind gewaltig und streuen bis weit in den Himmel. Diese Lichtverschmtzung ist eine Mitursache für das Artensterben. Manche Fledermäuse meiden die Lichtquellen und haben damit kleinere Jagdgebiete. Die Schweizer Naturschutzorganisation Bird Life berichtet von Rotkehlchen, die eigentlich früh in der Dämmerung singen. Durch die Beleuchtung sängen sie manchmal die ganze Nacht. Die Nahrungskette der Vögel kommt durcheinander, Insekten sterben an Lichtquellen. Die innere Uhr vieler Tiere kommt durcheinander. Es ist ähnlich wie bei Menschen die im Schichtdienst arbeiten. Aber diese können sich mit Vorhängen oder Rollläden gegen zu starke Lichtquellen schützen..  

Menschen beleuchten ihren Garten, Städte und Gemeinden leuchten Bauwerke an - dabei ist Strom eine Energie, die weitere Umweltressourcen verbraucht. Ist es dies wert? Wir haben sehr viel Glück, dass nicht schon die Generationen vor uns soviel Licht anzündeten.  Bei uns brennt in der leeren Kirche abends stundenlang Licht, oft in die Nacht hinein. Es gibt Zeitschaltuhren und Dämmerungsschalter, warum sind sie nicht Vorschrift? 

Ob den Menschen nochmal "ein Licht aufgeht"?

Nachhaltig lernen die meisten leider nur durch negative Erfahrungen. Warum ist das so?

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                      Die 9 -Euro-Tickets sind wohl ein Renner. Vor vielen Jahren wäre ich über dieses Angebot sehr glücklich gewesen, da wollte ich reisen und hatte zu wenig Geld dafür. Mir machten auch lange Bahnfahrten damals nichts aus, ich fuhr 18 Stunden nach Barcelona oder 14 Stunden nach Florenz.   Die längste Strecke, die mit diesem Ticket zurückgelegt werden kann sind 390 Kilometer und dauert rund 5 Stunden: RE5 von Rostock nach Elsterwerda über Berlin(ohne Umsteigen!).

Infos über weitere Verbindungen gibt es unter: https://www.heidelberg24.de/verbraucher/verbraucher-magazin/reisen-neun-9-euro-ticket-laengste-strecken-linien-netz-deutschland-bahn-db-zug-urlaub-reisen-zr-91588252.html

Es kann auch sehr schön sein die nähere Umgebung zu erkunden. Heute traf ich eine fröhliche Frau mit Kinderwagen, sie kam um ein Eis zu essen aus dem etwa 20 km entfernten Städchen. Lachend erzählte sie, das Kleinkind habe sich so über die Bahnfahrt gefreut, sie werde jetzt mehrmals in der Woche solche Fahrten unternehmen. Und dazu kann man sich ja auch Zeiten ohne Massenbetrieb raussuchen.

noch ein Gedicht über eine beabsichtigte Reise

 „Die Ameisen“ von Joachim Ringelnatz:

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.

Bei Altona auf der Chaussee
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

So will man oft und kann doch nicht
Und leistet dann recht gern Verzicht

Auch beim Reisen gibt es Licht- und Schattenseiten, und die ändern sich mit Alter und Entfernung und Sehnsucht nach dem eigenen Bett...

Habt alle ein paar angenehme Pfingsttage und genießt sie, wie auch immer.



  

hände und gedanken

                                      Hände, Teil der Skulptur DER GERBER, Marianne Wagner  „Der Philosoph sagte zu dem Straßenfeger: „Ich ...