Sehr geehrte Frau x,
als Freunde des früheren Bewohners, Herrn x, verstorben Anfang Dezember, waren wir mehrmals Besucher im Seniorenzentrum. Er lebte „Im Entenpfuhl“, der Demenzabteilung.
Leider erfuhren wir trotz der überragenden Bewertung des Hauses durch den medizinischen Dienst einen Umgang mit unserem erkrankten Freund, der entwürdigend war.
Es begann damit, dass Herr x nur sehr leise sprach und wir fast nichts verstanden, da im Fernseher ein lauter Film lief. Niemand schaute zu, die meisten hatten den Bildschirm im Rücken.
Wir wollten uns zurückziehen, aber auch bei der Sitzgruppe vor dem Zimmer war es zu laut! Bei einem weiteren Besuch bat ich darum, das TV ausmachen zu dürfen, da niemand schaute. Mir wurde gesagt, die Heimleitung wolle einen laufenden Fernseher, weil es sonst so ruhig wäre.
Warum dann nicht ein Radio mit leiser Musik? Jedes Kaufhaus macht das vor.
Alltagsgestaltung und soziale Betreuung ist etwas anderes, der Krimi während dieses Besuchs war schon als Geräuschkulisse beängstigend. Wie wirkt das auf kranke Menschen, die doch meist ängstlich sind? In wessen Interesse ist diese Berieselung?
Besonders schockiert hat uns auch, dass in seiner Gegenwart über ihn geredet wurde. Seine Ohren waren in Ordnung! Es war ihm unendlich peinlich, dass mir erzählt wurde, er hätte im Zimmer uriniert und einen Kurzschluss verursacht. Die Pflegerin ließ sich nicht unterbrechen!
Das distanzlose Verhalten mancher Mitarbeiterinnen war für ihn Qual. Er war nicht plötzlich zum Kleinkind geworden, nur weil es Fehlfunktionen im Gehirn gab! Daneben war er in wachen Momenten klar und erkannte seine Situation umso schmerzlicher. Bereits Anfang November hatte er uns gesagt, dass er Weihnachten nicht mehr leben wolle! Wir konnten ihn verstehen, da es keine Aussicht auf Heilung gab.
Er, sein ganzes Leben ein Intellektueller, verstummte letztlich ganz.
Es ist mir sehr bewusst, das die Arbeit in dieser Abteilung schwer ist. Aber umso notwendiger finde ich eine Supervision für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter! Auch wenn diese Menschen stückweise alles verlieren, darf man sie nicht entwürdigend behandeln.
Sehr geehrte Frau x, es ist uns ein Anliegen, Ihnen dies mitzuteilen. Menschen mit Zeit für die Bewohner/-innen und Interesse an deren Geschichte, dafür müssen wir kämpfen, nicht für eine Eingangslobby wie im Sternehotel.
Eine Gesellschaft zeigt sich darin, wie sie mit den schwächsten und hilflosesten Mitgliedern umgeht.
-- Ausschnitt aus meinem Brief an ein Altenheim, geschrieben Dezember 2012. Seitdem wurde es nicht besser in den "Seniorenresidenzen", eine Antwort bekamen wir nicht.


