Samstag, 15. Januar 2022

zeit und eile

 

                                       ein pferd in hildesheim, bodenständig liegt es im pflaster


Keine Eile...

Ich habe keine Eile.
Wozu Eile?
Sonne und Mond haben keine Eile: Sie tun recht daran.
Wer Eile hat, glaubt, er kann seine Beine überholen.
Oder mit einem Sprung über seinen Schatten springen.
Nein, ich habe keine Eile.

(...)

Fernando Pessao, 1888 - 1935
portugiesischer Dichter und Schriftsteller
------------------------------------------------------------------------------------------------------
ja, ich werde ruhig und gelassen sein, wenn ich es schaffe. ich werde sämtliche ideen schritt für schritt umsetzen, werde bilder malen, ein lied singen und dem schicksal einen streich spielen. meine fähigkeiten zum schutz erstrecken sich nicht über viele menschen, manchmal reichen sie nicht einmal für mich. dann besinne ich mich und atme tief ein und gehe neu los.
keine kann den sturm der zeit einfangen, es sei denn, sie wäre ein segel. 

Mittwoch, 12. Januar 2022

zwei damen im freien

 


da sitzen unsere beiden damen im schnee, es macht ihnen nichts. der wind hat das windrad von susi verweht, dafür hat die alte dame hedwig einen dicken filzhut an. nein, keinen aluhut, alu hat sie auch aus ihrer küche verbannt. da holt man nun backofenpapier für, wo früher alufolie war.

sie sind müde, die damen, es passiert wenig, es gibt nichts zu schauen und kein fest, nicht mal im freien. 
aber wenn der sommer kommt...

                                            andere seufzen auch:    Der Seufzer, von Christian Morgenstern


Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis

   und träumte von Liebe und Freude.

Es war an dem Stadtwall, und schneeweiß

   glänzten die Stadtwallgebäude.

 

Der Seufzer dacht an ein Maidelein

   und blieb erglühend stehen.

Da schmolz die Eisbahn unter ihm ein -

   und er sank - und ward nimmer gesehen.


----------------------und damit es etwas zu lachen gibt: 

in der kaninchenschule ist aufklärungsunterricht angesagt. sagt am ende der stunde ein kaninchen:
"ach, und was ist mit dem zylinder?"




Sonntag, 9. Januar 2022

ungewolltes und abseitiges


" Ich grinste in mich hinein, während er auf seinem Sitz herumzappelte. Ich mochte ihn nicht, allerdings nicht, weil er so war, wie er war, sondern, weil er sich selbst nicht mochte und mich zwang, die Kleinlichkeit meines Charakters zu offenbaren, die mich dazu brachte, derart hässliche Dinge zu sagen. Aber ich durfte keinesfalls zulassen, dass er mich kampflos besiegte." 
aus: Vincent O. Carter, Meine weisse Stadt, Limmat- Verlag

das bern- buch des aus USA stammenden autors über den alltäglichen rassismus bewegt und erschreckt mich. und sätze wie der oben machen mich betroffen. auch ich kenne die situationen, in denen mich ein mensch so provozierte, dass ich etwas tat oder sagte, was ich nicht wollte. manchmal erschrecken mich eigene gedanken, tief in mir drin muss es sie geben, ich will sie mit verstand nicht. etwas in mir, ist es das unbewusste, von dem psychologen sprachen? warum lasse ich mich provozieren? 
ich möchte gut und freundlich und voller verständnis sein, tolerant und offen. so war mein idealistisches bild von mir 😒


dekorative säule am schaufenster

es gibt also auch von uns eine schauseite und eine abseite. meine oma sagte dazu, der mensch sei nicht vorne wie hinten. damit hatte sie auch recht.









 

Donnerstag, 6. Januar 2022

fragen und antworten




Fragen und Anworten aus : Wolfgang Neuss Buch von Volker Kühn, Satire-Verlag, Köln 1981:

Frage: Sind Sie ein notorischer Weltverbesserer?    Neuss: Ich bin ein Utopiepel.

Frage: Kann man davon leben?  Neuss: Man kann. Leben kann man immer.  (1967)

Frage: Hast Du Pläne? 

Neuss: Ich habe immer Pläne. Ohne Pläne ist doch alles Dreck im Leben. Ohne Liebe auch.

Frage Wie sehen die aus?

Neuss; Ich warte auf mein drittes Auge. Ich hab`s zwar schon, aber noch nicht an der richtigen Stelle. Bis es soweit ist, arbeite ich.

Frage: Wie sieht das aus?  Neuss: Ich sitze und lausche.  (1980)

---------------------------------------------------------------------------------------------------

so lakonisch und klar in einem interview konnte dieser chaot sein, mit einer inneren ruhe, ohne sich darstellen zu wollen. auf was lauschte wolfgang? er, der kriegsteilnehmer, war wie viele seiner altersgenossen beschädigt und suchte eine antwort auf viele fragen. diese generation leidet bis heute zum teil heftig an den seit fast 80 jahren vergangenen erlebnissen. warum können menschen nicht aus der geschichte lernen? oder können sie es? 

-----------------------------------------------------------------------------------------------------

Interview mit Bernard Shaw:

Ein aufdringlicher Reporter fragte: "Glauben sie an so etwas wie Glück, Mr. Shaw?"  "Unbedingt!" antwortete Shaw. "Wie sollte man sonst wohl den Erfolg erklären, den Leute haben, die einem unsympathisch sind?"




 

Montag, 3. Januar 2022

unterwegs


 "Freude in der Ansagestimme, dass der ICE 1207 fünf Minuten vor Fahrplan am Zielbahnhof sei. Sie war ja nicht am Ziel, was soll sie mit der Zeit. Nicht sparen. Aber auch nicht vertreiben, Zeit sparen und Zeit vertreiben, eins so furchtbar wie das andere. Verschenken vielleicht, das wär was, wenn man etwas von der Zeit einem Bedürftigen schenken könnte. Einem Nervösen, Hechelnden, Flattrigen."    

aus: Fliegen, Albrecht Selge, Rowohlt Berlin 2019

da fährt eine rentnerin, die durch eine eigenbedarfskündigung wohnungslos wurde, mit einer bahncard 100 durch unser land. bei einer freundin in einer stadt erhält sie ihre rare post, irgendwo gibt es ein rentenkonto bei der bank. sie lebt im zug, wäscht sich in der behindertentoilette, duscht gelegentlich in bahnhöfen. da ihr geld kaum reicht, sammelt sie heimlich pfandflaschen. manche menschen werden ihr bekannt. sie hat einen genau ausgerechneten plan der zugabfolgen, weiß wo sie besser schlafen kann. sehr bewegend zu lesen, wie sie sich in ihrer situation einrichtet. mehr will ich nicht erzählen, lest selbst, mich erschreckt, dass so ein leben denkbar ist.

heute war der erste werktag im jahr 2022, die politiker künden alles mögliche an verbesserungen an. das jahr ist noch jung, geben wir ihnen eine chance. und bleiben wir hellwach und denkfähig, mehr unter menschen als in "sozialen medien" sollten wir uns umschauen. bleiben wir in der kommunikation mit unseren mitmenschen.   

Freitag, 31. Dezember 2021

Taube und Gänsehaut

                                                                    Heiko Pippig, Mosbach

 Wolfgang Neuss Buch von Volker Kühn, Satire-Verlag, Köln 1981:

Regieanweisung

Hinten, ganz hinten

auf der Mauer entlang

kriecht ein neuer Gedanke.

Alles freut sich. Es ist der erste.

Man hofft, man füttert ihn

man macht Reklame.

Ein Schuß kracht...

Der Gedanke meldet sich

- obwohl nur er Schüsse verhindern könnte-

verängstigt bei der Notaufnahme.   (Wolfgang Neuss)


ich hoffe darauf, dass euch und mich im jahr 2022 viele neue gedanken überraschen. und natürlich hoffe ich darauf, dass wir mutig sind und zu den Gedanken stehen, etwas damit anfangen können. manchmal will ich garnicht glauben was passiert. aber dann erinnere ich mich daran, dass die welt bunt ist und viele facetten einen stein umso schöner strahlen lassen. es gibt zeiten, in denen ich das strahlen suchen muss. wenn wir zu vielen suchen, wie gutes leben für viele menschen gelingen kann, dann können wir einander ermuntern, helfen und uns stärken.

wo ist die notaufnahme für eure gedanken? meine scheint in den unruhigen träumen kurz vor dem aufwachen zu sein. 

- im schaufenster dieser tage:

                                     Gänsehaut lügt nie   -  heute schauen wir auf den Unterarm 






Dienstag, 28. Dezember 2021

anfänge pflegen


 

Alle Dinge enden,

wenn ihre Anfänge nicht intakt gehalten werden.

Lasst uns nicht Blumen züchten,

sondern Knospen.


Charlotte Wolff

----------------------------------------------------------

diese tage zwischen den jahren sind etwas stillstand, viele menschen haben urlaub. die letzten tage des jahres erwecken erwartungen weil man glaubt, das vergangene jahr abhaken zu können. dabei ist es doch in mir und uns, mit all den vergangenen erfahrungen und hoffnungen. manche nehmen wir mit in das jahr 2022.

zaghaft möchte ich dem neuen jahr entgegen gehen. will ich es günstig stimmen? ein jahr ist ein jahr, und der anfang ein anfang, es ist, wie es ist. es ist, wie wir es machen, wie wir es zulassen. unser einfluss ist individuell und begrenzt.

wir leiden ja nicht an den menschen oder den ereignissen, sondern an nicht erfüllten erwartungen. wenn wir gut ins neue jahr starten wollen, sofern dies überhaupt möglich ist, so sollten wir sorgsam mit unseren erwartungen sein. 

wenn die morgendämmerung kommt warte ich zuversichtlich auf den sonnenaufgang, der augenblick ist günstig. aber auch mit aller energie, die ich aufwenden könnte, könnte ich nicht an einem diesigen nachmittag auf einen sonnenaufgang hoffen.  

 




Freitag, 24. Dezember 2021

flügel schaffen


Noch einmal ein Weihnachtsfest,
Immer kleiner wird der Rest,
Aber nehm ich so die Summe,
Alles Grade, alles Krumme,
Alles Falsche, alles Rechte,
Alles Gute, alles Schlechte -
Rechnet sich aus all dem Braus
Doch ein richtig Leben heraus.
Und dies können ist das Beste
Wohl bei diesem Weihnachtsfeste.
Theodor Fontane (1819- 1898)

                  ich wünsche allen leserinnen und lesern ein frohes und gesundes Weihnachtsfest. laßt uns einander die hoffnung stärken und freude und humor verbreiten. schritt für schritt für schritt gehen wir durch diese zeit, die unsere ist. wir haben keine andere, laßt uns alles tun, um sie für viele menschen zu einer guten zeit zu gestalten, helfen wir, wo immer es uns möglich ist. und sorgen wir für uns selbst, damit wir freundlich sein können.

                                                                           Einstmals

sich Flügel schaffen

und frühmorgens

fortfliegen.

Oder einfach

an alle Flügellosen

eine Feder

austeilen

Wjatscheslaw   Kuprijanow - 

-----------------------------------------------

Nachtrag: eben sah ich auf arte einen bericht über kirchen. dabei erinnerte ich mich an unsere unvergessene berliner freundin else, jahrgang 1908. sie war im rahmen einer konzertreise ihres musiker- mannes an weihnachten in israel. am 24. stand sie schwitzend in der sonne in einer menschenmasse, die zur besichtigung der geburtskirche anstand. sie erzählte noch jahrzehnte später, wie sie plötzlich lachen musste: " stell dir vor, immer hatte ich maria bedauert, kein haus, ein kind mitten im winter bekommen in solchen umständen. ich kannte nur die kalten winter meiner schlesischen geburtsstadt und war voller mitleid. dabei war dort sommer, was waren wir dumm!" 


 

Dienstag, 21. Dezember 2021

weitere einsichten mit hoffnung




- soeben gelesen im wunderbaren buch des joachim meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet, Ausgabe Büchergilde Gutenberg:

er ging mit seiner etwa fünfjährigen tochter durch einen park. in gedanken war er bei der erinnerung an die möglichen tobsuchtsanfälle der tochter, aber nun war sie entspannt und fuhr roller. Zitat:

" Wir kamen an einer Mutter vorbei, die mit entschlossenen Blick vor ihrem brüllenden Kind stand, das entfesselt auf dem Weg liegend um sich schlug. Sie redete ruhig auf ihren Sohn ein. In diesem ganz speziellen, gezügelten Tonfall, der als pädagogische Gelassenheit daherkommt , aber vor Aggression nur so glüht. - Steh bitte auf- weinen und schreien- wir müssen wirklich gehen- weinen und schreien- die Oma hat gekocht.- Komplettausraster. Meine Tochter und ich blieben stehen und sahen zu. Sie schüttelte ein wenig altväterlich den Kopf und sagte betont gelassen:

"Papa, ich glaube, ich bin jetzt bald erwachsen."

"Warum glaubst du das?" Und dann kam dieser Satz: "Ich kann mich schon im Stehen ärgern!"

wenn wir in diesen "nächten zwischen den jahren" auch zu so tiefen erkenntnissen über uns kommen, dann sind wir auf dem richtigen weg. 

ich empfehle das buch begeistert, auch wenn das thema eigentlich nicht einfach ist, konfrontiert es uns doch mit unserer verletzlichkeit. joachim meyerhoff hatte einen leichteren schlaganfall und erzählt von seinem erleben in der intensivstation. mit dem wissen, dass er diese krise überwunden hat, liest es sich für mich einfacher, ich freue mich noch auf etwa die hälfte des buches.

habt es gut, liebe leserinnen und leser.


Sonntag, 19. Dezember 2021

überraschend erlebt


 

in der ZEIT unter der rubrik "was mein leben reicher macht" gelesen: donnerstagvormittag im dezember, es ist kühl und grau... auf der anderen straßenseite ist eine kleine kindergruppe unterwegs. die beiden erzieherinnen stimmen ein lied an, die kids fallen nach und nach ein: "es ist für uns eine zeit angekommen, die bringt uns eine große freud" - und ich denke mir, wie passend... (ein leser).

meine freude wuchs beim lesen, in gedanken sang ich mit und ich bin dem leser sehr dankbar für diese kleine mitteilung. so unterwegs zu sein, mit wachen augen und ohren, hilft kleine schätze des alltags einsammeln. der tag wird, auch wenn er im nebel liegt, bunt.

ich wünsche euch allen in dieser letzten vorweihnachtswoche solche überraschungen.  

---------------------------------------------------------------------------------------------

Wilhelm Busch . 1832-1908
Der Stern

Hätt einer auch fast mehr Verstand
Als wie die drei Weisen aus Morgenland
Und ließe sich dünken, er wär wohl nie
Dem Sternlein nachgereist wie sie;
Dennoch, wenn nun das Weihnachtsfest
Seine Lichtlein wonniglich scheinen lässt,
Fällt auch auf sein verständig Gesicht,
Er mag es merken oder nicht,
Ein freundlicher Strahl
Des Wundersternes von dazumal.


zeit und eile

                                         ein pferd in hildesheim, bodenständig liegt es im pflaster Keine Eile... Ich ha...