Samstag, 28. Januar 2023

distanz und nähe

 



"Erst im Laufe der Jahre dämmerte ihr, dass die Neurose in diesem Land an der familiären Tagesordnung ist; die Auseinandersetzung mit den Eltern therapeutisch gehätschelt wird bis ins Greisenstadium der Mütter und Väter hinein. "

Zitat aus : Elke Schmitter, Inneres Wetter, C.H. Beck 2021

ein lesenswertes buch: eine schwester überredet ihre beiden geschwister, gemeinsam den vater zu dessen 77. geburtstag zu besuchen. die geschwister inklusive der lebenspartner mit sehr unterschiedlichen lebensvorstellungen, alle um die fünfzig, treffen sich nach längerer zeit wieder. mit viel wortwitz und hervorragender beobachtungsgabe erzählt uns elke schmitter dieses familientreffen.  

manchmal schon geriet ich in diskussionen darüber, was im leben eines menschen wohl schiefgelaufen sei, weil er oder sie "so" sei. ich denke, egal wie es war in kindheit und jugend, unsere aufgabe beim erwachsenwerden ist auch, selbst für unser leben verantwortung zu übernehmen. es gibt keine perfekten eltern, auch wir sind es nicht. berechtigter zorn auf fehlverhalten oder schmerz müssen/ sollten zur sprache kommen(therapie).  aber daran festhalten und es als entschuldigung für alles mögliche bei über fünfzig jahre alten menschen zu hören macht mich ungeduldig. geht es hier auch um eigene erwartungen an das leben, das nicht so läuft wie gewollt? muss immer jemand schuld sein, oder kann es auch eine reihe von zufällen geben?

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das zweite Buch, das ich empfehlen möche: Martin Kordic, Jahre mit Martha, S. Fischer-Verlag,2022

SWR2 : „Faszinierende Liebesgeschichte, Einwanderergeschichte, (Anti-)Bildungsroman, Machtverhältnisse, Familiengeschichte, Popkultur & Südosteuropa - all das - und noch so viel mehr ist dieser Text für mich“, meint Buch-Blogger und Buchhändler Florian Valerius über den Roman von Martin Kordić.

eine sehr ungewöhnliche, zarte und bewegende liebe zwischen einem studenten und einer professorin. fesselnd geschrieben, mit viel anregungen, auch eigene vorstellungen zu überdenken. 




Mittwoch, 25. Januar 2023

abendritt im winter


die beiden jungen frauen geniessen den ausritt in der abenddämmerung. kalt ist es, die pferde wärmen, die dicke jacke schützt. manchmal sieht man einen feldhasen springen, die welt scheint auf der höhe menschenleer. es ist wunderbar im wechsel der jahreszeiten in der natur zu sein. kalte hände zu haben und dann ins warme zimmer kommen und etwas warmes trinken ist genuß.

Zwischen den Bahngeleisen
Vertränt sich morgenroter Schnee.  — —
Artisten müssen reisen
Ins Gebirge und an die See,
Nach Leipzig — und immer wieder fort, fort.
Nicht aus Vergnügen und nicht zum Sport.
Manchmal tut’s weh.

Der ich zu Hause bei meiner Frau
So gern noch wochenlang bliebe;
Mir schreibt eine schöne Dame:
„Komm zu uns nach Oberammergau.
Bei uns ist Christus und Liebe,
Und unser Schnee leuchtet himmelblau.“ —
Aber Plakate und Zeitungsreklame
Befehlen mich leider nicht dort-,
Sondern anderwohin. Fort, fort.

Der Schnee ist schwarz und traurig
In der Stadt.
Wer da keine Unterkunft hat,
Den bedaure ich.

Der Schnee ist weiß, wo nicht Menschen sind.
Der Schnee ist weiß für jedes Kind.
Und im Frühling, wenn die Schneeglöckchen blühn,
Wird der Schnee wieder grün.

Beschnuppert im grauen Schnee ein Wauwau
Das Gelbe,
Reißt eine strenge Leine ihn fort. —
Mit mir in Oberhimmelblau
War’s ungefähr dasselbe.

Joachim Ringelnatz

Samstag, 21. Januar 2023

kreuzfahrt in der arktis


                                                                Abendrot, Foto Enkelin Nina 

"Passagiere in Funktionskleidung warteten mit leeren Tellern an den Vitrinen und Tresen. Ein stets dumpfes Brummen mischte sich mit Stimmengemurmel und dem Klappern von Besteck auf Porzellan. Ich spazierte um das Büffet. Von allem gab es zuviel: Fisch, Fleisch, warm, kalt, süß, salzig, Vorspeisen, Kaffee, Brot, Käse."

"Doch die Leute hier? Es mochte daran liegen, dass sie sich ähnlich kleideten, viele im gleichen Alter waren, um die sechzig. Sie trugen Praktisches im knalligen Petrol, leuchtendem Gelb, grellem Violett. Der Tarnung konnten diese Farben nicht dienen, es sei denn, sie hatten vor, jede Nacht durch den Sonnenuntergang zu fliegen. Vielleicht gab es bei Expeditionskreuzfahrten, so wie bei Surfern eine Art Kleiderkodex - hier, so ziehen wir uns an, damit ihr wisst, wer wir sind."

Zitate aus: Arezu Weitholz, Beinahe Alaska, mareverlag Hamburg 2020 - sehr empfehlenswert, sarkastisch und warmherzig und nachdenklich geschrieben.

in fremde welten eintauchen, etwas lesen, was ich nie erleben werde, ist sehr entspannend. ich muss nicht in funktionskleidung auf einem kreuzfahrtschiff die tour der titanic nachfahren, um den klimawandel zu sehen. ich brauche nicht am vollen büfett stehen und mir anhören, wie teuer alles geworden sei, und dann beim essen die besten tipps, wie steuern "gespart" werden können. da wird schweröl in die luft gepustet, um in der arktis zu beobachten, wie die eisberge schmelzen und nach süden treiben. wunderbare schilderungen! 

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Man muss alles im gesellschaftlichen Geschehen wie im Privatleben nehmen: ruhig, großzügig und mit einem milden Lächeln.

Rosa Luxemburg (1870 - 1919)           - aber wundern darf ich mich schon ...

Heute ist der Todestag zweier von mir geschätzter Menschen: 

am 21. Januar 1950 starb in London George Orwell (Farm der Tiere nochmal lesen)

und in Zürich 1975 Mascha Kaleko:

 

»Man braucht nur eine Insel
Allein im weiten Meer
Man braucht nur einen Menschen,
den aber braucht man sehr.«

Mascha Kaléko


Mittwoch, 18. Januar 2023

Tagesanfang

                                                   
Sonnenaufgang, Uli Boll, Manderscheid




Die Sonnenkugel

Als der Tag seine Sonnenkugel

über den Horizont schob,

wollte ich sie nicht sehn.

Ich sagte: „Ich bin todmüde.“

 Er hob sie behutsam höher

und sagte: „Aber du lebst noch…“

Da sprang ich ihr zu.

(Christine Busta. In: Altershalber. Gedichte aus acht Jahrhunderten. Hrsg.: Helmut Zwanger und Henriette Herwig. Klöpfer&Meyer. Tübingen 2015) 

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ein text, um ihn an die wand zu hängen, damit wir ihn an trüben tagen erinnern beim aufwachen. laßt uns in die tage springen, wenn es geht. und wenn es schwer ist, dann wanken wir oder schleichen. und wenn es mal garnicht geht, lassen wir uns vertrauensvoll fallen und erfahren, wie wir aufgehoben werden. in uns gibt es kraft. und wenn es manchmal einfach widerständigkeit gegen die menschen ist, die sagen, es lohnt sich nicht. so ein quatsch, wir haben doch vorerst nur unsere lebenszeit. 

Sonntag, 15. Januar 2023

gedanken über arrogante titelträger

                                               

                                                      Tonarbeiten Wagner, Breuberg

liebe/-r ...,

du weißt ganz sicher auch, dass akademische titel und ehren nicht alles über den menschen sagen. fehlt ihm herzesbildung, mag er zwar erfolg in seiner branche haben, aber als mit- mensch kann man ihn ignorieren, wenn man austausch und miteinander wünscht. diese menschen neigen dazu zu vergessen, dass sie allein nichts sind. der chemiker braucht auch die putzfrau in seinem institut, zum beispiel. und wenn er krank ist? arroganz gegenüber menschen, die nicht den gleichen akademischen werdegang haben ist dummheit. wer näht seine hemden, wer putzt seine wohnung, wer baut sein haus?  die menschen sind verschieden, brauchen einander aber unbedingt. es sei denn, jemand wird zum eremiten.

entziehen wir diesen menschen den sockel und behandeln wir sie wie andere menschen auch: freundlich und offen. und wenn sie damit nicht umgehen möchten, ist es ihre entscheidung. mit einer promotion zeigt ein mensch, dass er oder sie wissenschaftlich arbeiten kann über eine längere zeit. das ist eine leistung. aber es erhebt diesen menschen nicht über andere. sie oder er verdient lob, wie andere für ihre arbeit.  

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Ich möchte laut über die Mauern hinausrufen: O bitte beachten Sie doch diesen herrlichen Tag!
Vergessen Sie nicht, wenn Sie noch so beschäftigt sind, den Kopf zu heben und einen Blick auf diese riesigen, silbernen Wolken zu werfen und auf den stillen blauen Ozean, in dem sie schwimmen.
Beachten Sie doch die Luft, die vom leidenschaftlichen Atem der Lindenblüten schwer ist, und den Glanz und die Herrlichkeit, die auf diesem Tag liegen; denn dieser Tag kommt nie, nie wieder!

Rosa Luxemburg (1870 - 1919), deutsche sozialistische Politikerin polnischer Herkunft)

Heute ist ihr Todestag! 

Donnerstag, 12. Januar 2023

radfahrer in winterpause

 


Hannes, Geschöpf von Paul A, Wagner, Breuberg
Rad, gebaut von Hans

da hockt er auf der bank und wartet. auf frühling brauchte er nicht warten, die luft ist wie im frühling, die temperatur ist wie im april 2022. aber die luft ist raus aus den rädern, die saison war lang.

Fundsache aus dem Raben- Kalender:
"Über die Frage, welche Konsequenzen die Gottesebenbildlichkeit des Mannes und der Frau für das Gottesbild haben könnte, darüber haben die von Männern verfassten Kommentare zur Genesis aber auch nicht einen einzigen Satz verloren."
-Othmar Keel, Gott weiblich -

die verwirrung unserer enkelin auf die frage, ob gott ein mann oder eine frau sei, ist mir noch gut in erinnerung. unsere unterhaltung war spannend. an weihnachten fällt mir immer ein stuttgarter poet ein, den namen habe ich in 40 jahren leider vergessen. er schrieb in einem text, zwillinge hätten sie bei jesu geburt noch hingenommen, aber keinesfalls ein mädchen.

bei nassen und ungemütlichem wetter sollte man ruhig mal sinnieren, wie meine oma sagte.

https://christachorherr.wordpress.com/ - habe gerade etwas geniales gelesen, sollte es überall geben, nicht nur in nl

Montag, 9. Januar 2023

zwei Geburtstage


 heute hätten zwei von mir sehr gerne gelesene menschen geburtstag, sie sind 1890 und 1908 geboren. ob sie sich etwas zu sagen gehabt hätten? ob sie sich in paris begegnet sind, eine junge studentin und ein erfolgreicher journalist?

kurt tucholsky(geboren 1890, berlin) begleitet mich seit der schulzeit, und immer noch entdecke ich neues bei ihm. durch die adventsaktion von brigitte(https://www.brigittefuchs.ch/serendipity/), sie stellte jeden tag einen neuen text von tucholsky vor, habe ich mich sehr angeregt gefühlt. erstaunlich wie aktuell diese texte oft sind, bei denen auch der humor nicht zu kurz kommt. wieder einmal lesen bei ihm kann ich empfehlen, nachdenkliches wie herrliche satire...

zwei Zitate:  „Ich glaube jedem, der die Wahrheit sucht. Ich glaube keinem, der sie gefunden hat.“

"Die Katze ist ein freier Mitarbeiter, der Hund ein Angestellter."

auch simone de beauvoir, 1908 in paris geboren, hatte ich vor einigen monaten nochmal hervorgeholt. ihren roman: Alle Menschen sind sterblich, zuerst 1946 in paris veröffentlicht, hat nichts von seiner brisanz verloren. er erzählt von raymond fosca, der an seiner selbstverschuldeten unsterblichkeit leidet. ein sehr bemerkenswerter anstoss, über vieles im alltag neu nachzudenken. vielleicht auch vordenken?

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ein neues buch habe ich sehr gerne gelesen: Monascella, Kerstin Holzer, dtv, eine Lebensgeschichte über monika mann und deren stellung in der familie, die konflikte..., in dieser familie war nichts einfach. monikas leben auf capri scheint gut gewesen zu sein.






Freitag, 6. Januar 2023

sehnsuchtsbilder


 da hat jemand in einem kleinen ort seine wand mit sehnsuchtsbilder bemalt, richtig ernsthaft, viele stunden lang. ich finde das in einem dorf mutig, weil sicher nicht jeder den beweggrund des maler versteht. er ist auch beruflich kein maler, sondern ein anderer handwerker.



nun ist die scheune abgerissen, ich erinnere mich anhand alter bilder. was bleibt in unseren köpfen, wo passieren dinge, die unser sehen aufwecken?
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aus Finnland eine Buchempfehlung: Meeresroman, Petri Tamminen, mareverlag 2017:

"Seekapitän Vilhelm Huurna schämte sich für gestern und fürchtete sich vor morgen, aber mit dem gegenwärtigen Augenblick war er immer gut fertiggeworden." - das ist der anfang des romans! 
ich finde diesen satz wunderbar wie den ganzen roman.


 


Dienstag, 3. Januar 2023

Abschied und Neubeginn


" Ich komme beim Älterwerden auch langsam aus der Zukunft an, ich nehme Abschied von den Aussichtstürmen, die ich nie besteigen, den warmen Meeren, in denen ich nie baden werde, den Opernhäusern, den Museen in fernen Hauptstädten, der Transsibirischen Eisenbahn, in der ich nicht schlafen werde.

Denn ich habe in meinem langen Leben alles einverleibt, was ich wollte an Liebe, Wärme, Bildern, Erinnerungen, Fantasien, Sonaten. Es ist alles in diesem Moment in mir. Und wenn ich ganz alt bin, vielleicht gelähmt und vielleicht blind, und vielleicht sehr hilfsbedürftig, dann wird das alles auch noch in mir sein. Das ist nämlich mein Schatz. Mein unveräußerlicher. 

Ich habe wie jeder Mensch meinen Schatz in mir vergraben."                                                            Helga Schubert, Vom Aufstehen, Dtv Tb 2022 (empfehle ich)

sehr habe ich diese worte als trost empfunden, und indem ich über sie nachdachte, kamen immer neue erinnerungen dazu, ich fühle mich reich. dankbarkeit über vieles, was gut gegangen ist, wo ich stärke und mut hatte, ist in mir. auch ohnmacht, weil etwas schrecklich schief lief, und auch da änderte sich mit der zeit die sicht auf unabänderliches. 

ich habe ja noch nie gelebt, so lerne ich immer neu, und manchmal überrasche ich mich.

jetzt noch musik für euch, die stimme und lebenskraft dieser sängerin begeistert mich:
 

https://www.youtube.com/watch?v=3NFywQdeKSo

Ein gutes Jahr 2023 wünsche ich euch allen.

Freitag, 30. Dezember 2022

gedenken und gratulieren


 änderung bringt nostalgiegedanken:

ab heute, 30.12.2022, stellt die deutsche post den telegramm- service ein. das angebot sei zuletzt kaum noch genutzt worden, erklärte der sprecher. vom 19. jahrhundert an bis weit ins 20. jahrhundert hinein war es die schnellste möglichkeit, informationen zu übermitteln. der telefonisch oder persönlich aufgegebene text wurde per fernschreiber an das nächstgelegene postamt oder telegrafenamt des empfängers übermittelt und per bote zugestellt. da der preis sich nach wortanzahl richtete, gab es den berühmten telegrammstil:

reinhard mey: "ankomme freitag, den 13., 14 uhr, christine" 

ivan goll an paula ludwig: ""ich liebe dich, ivan"

meine mutter: "bei ankunft sofort anrufen, mutti"

alles aus zeiten, in denen nicht jeder ein telefon besaß. der telegrammbote kam übrigens an als ich die haustüre aufschließen wollte, im jahr 1975. ich musste dann zur telefonzelle gehen und anrufen, um ein zweites telegramm zu verhindern.

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einen 70. geburtstag gab es diesen dezember auch in einer sehr wichtigen organisation zu feiern:     PRO FAMILIA wurde am 22. dezember 1952 gegründet, seien wir dankbar dafür.


distanz und nähe

  "Erst im Laufe der Jahre dämmerte ihr, dass die Neurose in diesem Land an der familiären Tagesordnung ist; die Auseinandersetzung mit...