Freitag, 30. Dezember 2022

gedenken und gratulieren


 änderung bringt nostalgiegedanken:

ab heute, 30.12.2022, stellt die deutsche post den telegramm- service ein. das angebot sei zuletzt kaum noch genutzt worden, erklärte der sprecher. vom 19. jahrhundert an bis weit ins 20. jahrhundert hinein war es die schnellste möglichkeit, informationen zu übermitteln. der telefonisch oder persönlich aufgegebene text wurde per fernschreiber an das nächstgelegene postamt oder telegrafenamt des empfängers übermittelt und per bote zugestellt. da der preis sich nach wortanzahl richtete, gab es den berühmten telegrammstil:

reinhard mey: "ankomme freitag, den 13., 14 uhr, christine" 

ivan goll an paula ludwig: ""ich liebe dich, ivan"

meine mutter: "bei ankunft sofort anrufen, mutti"

alles aus zeiten, in denen nicht jeder ein telefon besaß. der telegrammbote kam übrigens an als ich die haustüre aufschließen wollte, im jahr 1975. ich musste dann zur telefonzelle gehen und anrufen, um ein zweites telegramm zu verhindern.

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einen 70. geburtstag gab es diesen dezember auch in einer sehr wichtigen organisation zu feiern:     PRO FAMILIA wurde am 22. dezember 1952 gegründet, seien wir dankbar dafür.


Mittwoch, 28. Dezember 2022

dezembererinnerungen

Oberbaumbrücke Berlin

meine frühesten erinnerungen an weihnachten stammen vom dezember 1950. jeder sagt zu mir, das könne nicht sein, da ich damals erst zwei jahr alt war. aber ich glaube mich zu erinnern, dass meine eltern mich mit einer gitterschaukel nach Hause brachten, die ich von den großeltern geschenkt bekommen hatte. sie hielten diese schaukel an den seilen zwischen sich und ich war sehr froh geschaukelt zu werden. am darauf folgenden weihnachtsfest war mein bruder einen monat alt, also hätten sie einen kinderwagen haben müssen, es war ja winter und eifel.

weihnachten anfang der 60-er jahre waren wir alle bei den großeltern, auch tante und onkel und meine kusine. es wurde gesungen und die katze bekam eine fleischwurst, in die haut hatte meine tante kartoffelpürree gefüllt. ich bekam an diesem fest eine fleischwurstring ohne pürree für mich allein, hatte ich mir gewünscht. dafür wollte ich keine schokolade und keine plätzchen.

weihnachten 1982 waren wir in berlin und wohnten in der reichenberger strasse in kreuzberg. wir waren vier erwachsene und zwei jugendliche in einer wohnung, in der es ein schlafzimmer mit durchgang zur toilette gab, ein riesenzimmer und eine kochküche. das ganze war etwas gewöhnungsbedürftig. im grossen zimmer auf luftmatratzen schliefen fast alle. 
es gab einen wunderbares weihnachtsessen a. 25.12., ein koch mit assistenz mehrerer personen zauberte.
den 24.12. hatten wir mit spaziergang und stundenlangem kneipenbesuch verbracht, dort lernten wir  den durchschnitt der kreuzberger bevölkerung kennen, es wurde auch skat gespielt, und romme. gesungen wurde nicht. die strasse endete an der mauer, wir besuchten auch andere stätten der berliner historie nach der teilung. 

wenn man eine reihe von jahren lebt sind die erinnerungen ein leicht skurilles panoptikum.

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eine nachricht vom vermutlichen sterben des papstes benedikt und die trauer darüber finde ich seltsam. wenn die menschen an gott glauben, so müssten sie doch froh sein, wenn er in seinem hohen alter sterben darf. dann wäre er ja bei gott. oder sollte er unsterblich sein?
heute ist übrigens der "tag der unschuldigen kinder", darüber darf man auch nachdenken und beten, wenn man mag.

 

Freitag, 23. Dezember 2022

jahreszeitliche Gedanken

 


An Dezembertagen


An Dezembertagen kann es sein

dass es abends freundlich klopft

dass Besuch kommt unverhofft

dass dir jemand Himmelstorte backt

und die dicksten Nüsse knackt

dass er dir ein Lied mitbringt

und von seinen Träumen singt.


An Dezembertagen kann es sein

dass Menschen plötzlich Flügel tragen

und nach Herzenswünschen fragen

Riesen werden sanft und klein

laden alle Zwerge ein.

Dezember müsst es immer sein.

Anne Steinwart


Liebe Freundinnen und Freunde,

die Zeit um das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel ist die Zeit, in der wir uns Vergangenes in Erinnerung rufen, aber auch den Blick auf das Kommende richten. Die gleiche Zeit im Jahr, die uns Dunkelheit und Kälte bringt, ist für viele Menschen eine festliche Zeit mit viel Geselligkeit, besonders nach den vergangenen Einschränkungen.

In unseren Häusern können wir heute scheinbar ohne Probleme den Winter zum Sommer machen, die Nacht zum Tag. Nun erfahren wir zum ersten Mal, dass es nicht vernünftig ist, die Bodenschätze zu verbrauchen, damit man z. B. in den Räumen in Sommerkleidung leben kann. Es ist nicht alles gut, auch wenn es für viele machbar schien. Außerdem geht vielen Menschen leider auch das Gefühl für den Rhythmus der Jahreszeiten verloren.

Ich wünsche euch ein Gefühl für die Zyklen des Lebens. Schauen wir in die Natur und seien wir behutsam mit ihr. Seien wir ebenso freundlich mit unserem Körper, damit unsere Seele gerne in ihm wohnt.

Und wer friert, darf sich in der dunkelsten Zeit des Jahres schon auf den sicher kommenden Frühling freuen. Zündet eine oder mehrere Kerzen an, freut und wärmt euch daran.  

Glaubt an euch und das Miteinander von Menschen um euch. Mein Bruder schrieb folgenden Wunsch auf der Weihnachtskarte: 

Möge mehr Verstand als Schnee vom Himmel fallen, dass es ein gutes Jahr 2023 wird! 

Dem Wunsch schließe ich mich gerne an, wie immer Ihr "die Tage zwischen den Jahren" verbringt, herzlichen Gruß an euch, Roswitha    

Und nicht vergessen: nur die Zukunft können wir gestalten, jammern über Vergangenes nutzt nichts.





Sonntag, 18. Dezember 2022

unterwegs nach weihnachten


 Manchmal fahren zwei Eisenbahnzüge nebeneinander her, in derselben Richtung. Die Insassen des schnelleren Zuges machen dann fröhliche Gesichter, sehen genau forschend hinüber, ein ganz klein wenig mitleidig. Die des langsameren Zuges schauen gleichgültig drein oder gucken gleichgültig fort. Schnellere Züge interessieren nicht sehr.                     Kurt Tucholsky, Schnipsel, rororo


ob das bei flugzeugen auch so wäre, wenn man die gesichter der menschen im vorbeihuschenden flieger sehen könnte? die bahnhöfe und flugplätze sind voller menschen, die weihnachten irgendwo anders sein wollen (oder müssen?). 

morgen hat reinhard mey geburtstag, er wird achtzig jahre. 1973 habe ich ihn bei einem livekonzert in einer aula erlebt, seitdem bin ich voller bewunderung für seine arbeit und seinen einsatz. damals stand er zweieinhalb stunden mit seiner gitarre alleine auf der bühne, und hinterher redete er noch mit uns zuhörern und zuhörerinnen und hatte noch eine nachtfahrt aus der eifel vor sich. 


- leider weiß ich nicht, wie ihr "Über den Wolken" von Reinhard Mey hören und sehen könnt, aber ich wünsche allen hier lesenden angenehme tage bis zum 24.,  vielleicht mit leichten momenten, wie er sie in dem lied beschreibt. 

Samstag, 17. Dezember 2022

Fremdgehen im Museum?

                          

                                       Hamburger Bahnhof, Nationalgalerie der Gegenwart, Berlin

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anonym (Ende 12. Jahrhundert)

Dû bist mîn, ich bin dîn...

Dû bist mîn, ich bin dîn.
des solt dû gewis sîn.
du bist beslozzen
in mînem herzen;
verlorn ist das sluzzelîn:
dû muost ouch immer darinne sîn.

(aus einer Tegernseer Handschrift vom Ende des 12. Jahrhunderts; mit diesen Versen schließt der zuvor lateinische Brief einer Frau an einen Kleriker

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es scheint, als gebe es die probleme der untreue seit beginn der menschheit, auch mit klerikern. ich dachte lange über den schriftzug auf dem dach nach: fremdgehen? was bedeutet das? heißt es auch mit bekannten so? den vertrauensbruch, die heimlichkeit bei diesem verhalten wiegt schwer. der oder die partner/ -in kann eigenen wahrnehmungen nicht mehr trauen, wenn er/ sie erfährt, das der / die Partner/-in fremdgegangen ist. fragen muss ich auch, wie weit ein mensch das recht hat, über den anderen zu verfügen. und interessieren würde mich, wie lange ehen durchschnittlich vor 200 jahren bestanden. ich las mal, nicht einmal zehn jahre.  

was bedeutete dieser schriftzug auf dem dach eines museums? wollten sie neue wege der kunstausstellung beschreiten? einige details der ausstellung sind mir im gedächnis geblieben. gestört hat mich gewaltig dass fast vollständige fehlen von sitzmöglichkeiten in der ausstellung. ich hoffe, das ist heute anders. 


Winston Churchill: Wir sind alle Würmchen, nur glaube ich, dass ich ein Glühwürmchen bin.


Dienstag, 13. Dezember 2022

erinnerung 2021, weihnachtsfrieden

                                                                                  

Groß-Stadt-Weihnachten

Nun senkt sich wieder auf die heim'schen Fluren
die Weihenacht! die Weihenacht!
Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,
wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?
Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.
Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,
den Aschenbecher aus Emalch glase.

Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen
auf einen stillen heiligen Grammophon.
Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen
den Schlips, die Puppe und das Lexikohn.

Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,
voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,
dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:
"Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!"

Und frohgelaunt spricht er vom 'Weihnachtswetter',
mag es nun regnen oder mag es schnein.
Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,
die trächtig sind von süßen Plauderein.

So trifft denn nur auf eitel Gück hienieden
in dieser Residenz Christkindleins Flug?
Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden ...
"Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug."

Kurt Tucholsky

ich überlege mir, wie ich zum weihnachtsfrieden beitragen kann. er kommt ja von allen und auch unser denken und handeln strahlt aus. ein gutes essen kochen und mit menschen gemeinsam essen ist ein guter schritt für frieden. gläubige menschen können beten, ungläubige könnten es auch versuchen. mir tut leid, dass ich an den erfolg nicht mehr glauben kann. aber was bleibt noch? 
ich schaue unsere krippe an, handgeschnitzt von einem gläubigen mann, und denke an die vielen krippen überall in der welt. an die kinder, die staunend davorstehen, an die hoffnungen der menschen. es liegt in menschenhand, dieses: friede auf erden.

https://www.youtube.com/watch?v=1q-Ga3myTP4





 

Samstag, 10. Dezember 2022

berliner mit sternen

                                                 

Dies für den und das für jenen.
Viele Tische sind gedeckt.
Keine Zunge soll verhöhnen,
Was der andern Zunge schmeckt.

Lasse jedem seine Freuden,
Gönn ihm, daß er sich erquickt,
Wenn er sittsam und bescheiden
Auf den eignen Teller blickt.

Wenn jedoch bei deinem Tisch er
Unverschämt dich neckt und stört,
Dann so gib ihm einen Wischer,
Daß er merkt, was sich gehört. 

Wilhelm Busch

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Tische sind wichtig in unserem Kulturraum: 

Tischkultur, Trennung von Tisch und Bett, Tischtuch durchschneiden, Altartisch, Runder Tisch, Vesperkirche - diese Worte beschreiben kurz etwas für Menschen wichtiges, zu verschiedenen Zeiten, an vielen Orten in unserem Kulturraum und auch woanders.   

"Und die Mutter blicket stumm auf dem ganzen Tisch herum" , diese Verse stammen aus der Geschichte vom »Zappelphilipp« in dem bekannten Kinderbuch des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann. diese Atmosphäre mag niemand, nicht einmal die böse blickende Mutter. Wilhelm Busch war wohl ein Zeitgenosse des Herrn Hoffmann.

Heute bekommt der zappelnde Junge ein Medikament und die Eltern sagen manchmal nichts mehr. 

Wie wunderbar kann ein Essen in geselliger Runde sein, mit lachenden Menschen, die einander schätzen und vielleicht lieben. Es kann ebenso in der Tat zu zweit etwas besonderes sein, auch allein sollten wir uns eine gewisse Esskultur gönnen. Essen hat mit geniessen und sattwerden und Achtsamkeit zu tun, über die Nahrungsaufnahme hinaus.  

Ich wünsche allen hier Lesenden in den kommenden Feiertagen solche Wohlfühltage, Ihr seid sicher dankbar und vergeßt nicht die Menschen, die Hilfe brauchen.

 

Dienstag, 6. Dezember 2022

der (un-)heimliche esser

Tatort : Cafeteria eines Thermalbades

- Der (un-)heimliche Esser

Ein Mann, ca. fünfzig Jahre alt, leicht mehrgewichtig, Stirnglatze und Pferdeschwanz, modisch elegant gekleidet, kommt zur Salatbar.

Salat nach eigener Wahl kostet auf einem kleinen Teller sechs Franken, auf einem großen elf. Die Essbestecke liegen an der Kasse, Dekoration und Beleuchtung schaffen behagliche Nischen rund um die ausgestellten Speisen.

Der Mann hat in der linken Hand einen kleinen Teller. Diesen füllt er mit dem berühmten Schweizer Wurstsalat. Bei dieser Arbeit übermannt ihn der Appetit, er führt immer wieder eine Handvoll Wurstsalat in den Mund - mit seiner Hand, den Servierlöffel legt er solange ab. Als sein Teller sehr voll ist beginnt er, um das Büffet gehend, diesen Teller per Hand zu leeren. 

Kauend schaut er die Auswahl an, kein Schnipsel fällt auf den Boden. Seine hastige Aktion ist bald erledigt.

Nun geht er zum Möhrensalat und füllt seinen Teller neu. Wohl zur Belohnung schlendert er zurück und füllt zwei Löffel Wurstsalat zunächst auf den Teller, dann fast ganz in den Mund. Er wischt sich Hände und Mund mit der Serviette ab.

Locker geht er mit dem kleinen Möhrensalat und einem Häppchen Wurstsalat zur Kasse, kauft dazu ein Mineralwasser und nimmt Besteck. Strahlend und betont schwungvoll kommt er zum Tisch, an dem eine schlanke jüngere Frau vor einem großen Salatteller sitzt und genüsslich ein Bier trinkt.

Sie schaut auf seinen Teller und das Mineralwasser und lobt ihn.

Der Mann strahlt. Beide essen zufrieden und führen dabei eine angeregte Unterhaltung.

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- es ist die zeit der essenseinladungen, nicht jeder/jede mag sich an die gepflogenheiten halten, las ich auch anderswo. dieses erlebnis in einem wohlsituierten umfeld verblüffte mich. ein sparer außerdem,    6 franken mindestens! 


Samstag, 3. Dezember 2022

dezember- gedanken


Ich empfehle der Friedenskonferenz den Tisch meiner Großmutter, die, am Tisch sitzend, das Gezänk mit dem Großvater jäh unterbach, indem sie die Hand ausstreckte und wartete, bis die andere Hand, die große des Mannes, sich, wenn auch zögernd, näher heranschob- diesen Tisch aus schlechtem fichtenen Holz und alt wie das faltige Lächeln der Großmutter, ihn empfehl ich.

Rudolf Otto Wiemer (24. März 1905 - 5. Juni 1998) war ein deutschsprachiger Lyriker, Puppenspieler und Pädagoge.

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              der verlorene mensch

einen bleistift kann man verlieren,

manche verlieren ihre schlüssel.

aber einen menschen?

was bedeutet das?

und wenn er es nur selbst spürt?

ist er dann weniger verloren

oder mehr?

zum 2. adventssonntag auch einen alten text von mir, ich wünsche euch allen freude und gelassenheit. 

nachtrag am 4.1.22:

in der wochenendbeilage der rhein-neckar-zeitung ist ein spannender artikel von ute teubner über die auswirkung der beteiligung von frauen bei verhandlungen über klima, kriege oder pandemien. feminismus ist ein demokratieprojekt, schreibt sie. sie berichetet über den report des weltwirtschaftsforums 2022(wef). dessen fazit: wenn die entwicklung im bisherigen tempo weitergeht, braucht es bis zur gleichstellung der frauen weltweit noch 132 jahre. 

"die chancen, dass ein friedensabkommen mindestens zwei jahre hält, steigen um 20 prozent, wenn frauen aktiv an den verhandlungen beteiligt sind; zudem ist es ... wahrscheinlicher, dass getroffene vereinbarungen auch umgesetzt werden."  

und da sitzt putin allein an seinem riesentisch, die männeriegen überall sind von keinem zweifel an ihrem tun befallen. und frauen sind ihre mütter, ehefrauen, geliebten, schwestern und halten ihnen mit ihrer arbeit den rücken frei, kochen, waschen ihre kleidung, putzen...

distanz und nähe

  "Erst im Laufe der Jahre dämmerte ihr, dass die Neurose in diesem Land an der familiären Tagesordnung ist; die Auseinandersetzung mit...