Donnerstag, 28. Februar 2019

Altwerden in der Großstadt


Ich sehe die aufmerksame Fürsorge in den Augen des Busfahrers. In der Rushhour des Samstagmorgen beobachtet er die alte Frau, die zitternd in den Bus steigt, ihre Fahrkarte langsam in den Entwerter schiebt und sich dann hinsetzt. Der Bus bleibt stehen bis sie sicher sitzt! Alle warten, außen und innen, inzwischen war die Ampel wieder rot.
Bei Grün fährt der Bus los und alle sind froh: die alte Frau, weil sie in den Bus kam, die Fahrgäste, weil es keine Angst macht, alt zu werden, solange Rücksicht genommen wird, und der Busfahrer, weil er sich die Zeit nahm.
Es ist, als hätten wir alle einige Minuten geschenkt bekommen, manche lächeln, niemand wirkt ungeduldig.
Selbstbestimmte Teilnahme im Alltag, alt werden ohne die Angst, in ein Reservat gedrängt zu werden, das wünschen wir uns.

Winter in Barcelona 2011 - wünsche ich mir in deutschen Großstädten auch!


Mittwoch, 27. Februar 2019

früher Vogel, usw.


In der Fußgängerzone einer Großstadt, immerhin zu Fuß! Ich habe ihn nicht gefüttert, er blieb einfach stehen. Er wollte vielleicht etwas sagen und ich verstand seine Sprache nicht.

Dienstag, 26. Februar 2019

orange Stiege, vollautomatisch

Zum Glück ist es eine Rolltreppe- aber die Arbeiter mussten früher gehen. Wieder Zeche Zollverein, hat mich sehr beeindruckt. Die Treppe ist steil und lang.


Montag, 25. Februar 2019

drehendes Holz, uralt

Noch ein Rätselfoto, dort gab es frische Brötchen! Wieviel sinnlicher der Genuß, als einfach im Plastikbeutel gekaufte Teiglinge. Den Unterschied sieht man schon an den Bezeichnungen. Laut war es, freundliche Menschen gab es.

Sonntag, 24. Februar 2019

Rostbildrätsel

Immer wieder fotografiere ich auch Rostbilder mit mir unbekannten Vorrichtungen. Was wohl über diese kleine Rolle zur gro0en lief? (Essen, Zeche Zollverein).

Samstag, 23. Februar 2019

Stahlkraft, leichtfüssig


Ackerbau in Pankow stellt heute einen Bahnhof vor, das kann ich auch. Bin gespannt ob jemand weiß, welcher Bahnhof es ist. Auch ich fand die Nieten beeindruckend, und die Last der riesigen Halle auf diesen Punkten.

Wenn ich nicht reisen kann schicke ich die Gedanken auf eine Reise.

Freitag, 22. Februar 2019

Vor dem Schlafengehen

Anleitung

Tritt am Abend vor das Haus
hör den Nachtgruß der Vögel
lass dir von den Bäumen erzählen
was sie heute sahen,
atme tief ein
    - und gehe wieder ins Haus.

Vergiss bitte nicht, etwas
von der Abendsonne und
den Baumgeschichten
mit hinein zu nehmen
dann träume gut!

Donnerstag, 21. Februar 2019

Erkenntnis?

Der Mensch besteht aus Knochen, Fleisch, Blut, Speichel, Zellen und Eitelkeit.

Kurt Tucholsky, Schnipsel

 

Was soll ich dazu noch sagen?  Ist Größenwahn auch Eitelkeit?



 

Mittwoch, 20. Februar 2019

Kostümzeit?






Der Hund des Malers hat gut schlafen auf einer Anzugshose - das Kostümkunstwerk wurde nicht vollendet, sein Schlaf war wichtiger.
Wie wäre es, wenn die Anzugsträger öfter mal individuell veränderte Anzüge trügen?

Dienstag, 19. Februar 2019

Moment auf dem Marktplatz


Auf dem Markt


Du sitzt auf der Mauer am Rand des Marktplatzes.
Um dich sind fremde Menschen die geschäftig umher gehen,
manche schlendern ohne erkennbares Ziel.
Der Gemüsebauer überzeugt eine nörgelnde Kundin
und lacht gleich darauf mit einer anderen.
Es riecht nach Sellerie, Äpfeln und Knoblauch.
Die Luft ist erfüllt mit Lachen und Stimmengewirr.
Drei Männer im Rentenalter stehen seit geraumer Zeit schon
und stecken heftig gestikulierend die Köpfe zusammen.
Einer geht einige Schritte weiter, dann zögernd zurück.
Eine dunkel gekleidete Frau verkauft selbst gezogene Astern,
die sie in Zeitungspapier einwickelt.
Ein Kind hüpft auf einem Bein um eine Pfütze am Blumenstand,
springt dann mit beiden Füssen hinein und lacht.
Du lachst mit dem Kind, lächelst die Vorübergehenden an,
manchmal bekommst du ein Lächeln zurück.

Dann gehst du, kaufst einen prächtigen Strauß Astern,
und beginnst, sie einzeln an die Menschen zu verschenken.
Von ungläubiger Abwehr bis zu spontaner Freude erfährst du
unterschiedlichste Reaktionen.
Du trägst dazu bei, diesen Markt bunter und fröhlicher zu machen,
indem du das Unerwartete tust.
Freude aus dir fließt zu Menschen, und es freut dich sehr,
dass du sie schenkst, weil du deine Phantasie ins Spiel bringst!
Was sollte dich abhalten?




Montag, 18. Februar 2019

Gegen den Strom

Der Querschwimmer

Der bebrillte Schwimmer durchfurchte den rechten Rand des Beckens. Ohne Pause spurte er seine Bahn.
Niemand kreuzte seine Bugwelle.
Die anderen, meist Frauen, schwammen unterschiedliche Bahnen, flexibel, wo immer sie Platz fanden. Mal verschnaufte eine am Rand, mal schwammen ein paar als kleine Gruppe und schwatzten miteinander. Ertrunkene Insekten von der Wasseroberfläche sammelten sich in Dekolletés.
Rückenschwimmen gab es nach Lust und Laune oder nach Sonnenstand.
Problemlos, ohne Zusammenstoß oder ungesunde Drehung des Halses glitten die Schwimmbadbesucher entspannt durch das Wasser.

Alles hatte seine Ordnung, alle waren zufrieden und genossen das allmorgendliche Ritual - bis zu jenem Dienstag Anfang Juli.
Plötzlich war ein Neuer da, nicht mehr ganz jung.
Auch ihm wird freundlich zugenickt, bevor die tägliche Routine beginnt. Der bebrillte Schwimmer strebt zu seiner Bahn, zwei Frauen suchen sich ihre Bahnen in stummer Rücksichtnahme.

Der Grauhaarige zögert noch.
Die beiden Frauen und der Sportschwimmer schwimmen fünfundzwanzig Meter hin, fünfundzwanzig Meter zurück, hin und zurück…
Jeder im eigenen Rhythmus. Die fast meditative Stille wird nur durch den Wellenschlag unterbrochen.

Dann geschieht das Unerhörte: der Fremde plumpst ins Wasser!
Plätschert einfach quer durch das Becken! Schwimmt von rechts nach links zwischen den Frauen hindurch, allerdings ohne sie zu behindern.
Ihre Blicke krallen sich in seinen Rücken.
Was wagt dieser Neuling?
Er schwimmt lächelnd und ohne Plan und Ziel!
Der Sportschwimmer zieht autistisch seine Bahnen, die beiden Damen aber dümpeln miteinander flüsternd am Rand.

Es dauert einige Schönwettertage, ehe die neue Erfahrung alltäglich wird.



Sonntag, 17. Februar 2019

Carpe diem, oder so...







Einmal ist es so
dass wir gar nichts vermögen
außer uns hinzulegen
und zu sterben.
So ist es.





Heute ist Frühling! Ich lebe und kann nur über die Gegenwart verfügen - ich will das Heute auskosten, will sehen, was ich zum Tag beitragen kann, was der Tag mir anbietet.

Samstag, 16. Februar 2019

Der kleine Fußballfan






Der Fußball und das ferne Land


Der sechsjährige Habib ist seit über einem Jahr in Deutschland. Er erinnert sich nicht gerne an die schlimmen Dinge in seiner Heimat: Häuser wurden zerstört, Menschen verschwanden, manchmal musste sich die Familie im Wald verstecken. Habib durfte nicht auf der Straße spielen. Einmal schrie in der Nacht ein Mensch sehr laut.
Vater hatte keine Arbeit, das Essen reichte selten, um satt zu werden.

Damals erzählten seine Eltern von Deutschland, einem freundlichen Land, in dem nicht geschossen werde. Vater würde wieder arbeiten und sie in einem Haus mit Garten leben. Dort wurde viel Fußball gespielt, die waren Weltmeister! Seine Eltern versprachen Habib einen richtigen Lederfußball in Deutschland. Die Angst vor der fremden Welt aus dem Fernsehen war groß. Aber er wollte natürlich einen Fußball, anstatt mit luftleeren Plastikbällen zu kicken!

Vorher musste die Familie eine lange und gefährliche Reise machen. Sie fuhren mit einem alten Lastwagen an die Küste. Von dort ging es auf einem Schiff mit vielen anderen Menschen über das Meer. Später versteckten sie sich in einem anderen Lastwagen hinter Gemüsekisten und fuhren eine ganze Nacht. Bis sie in Karlsruhe ankamen, waren sie viele Tage unterwegs und litten großen Durst und Hunger. Es war eng und stank schrecklich.

Im Übergangslager wurde es besser, Habib wohnte mit seiner jüngeren Schwester Emine und den Eltern in einem schönen Zimmer. Sein Vater Ali erzählte, dass sie bald in eine größere Wohnung umziehen würden. Ali durfte nicht arbeiten, erst müssten die Papiere in Ordnung sein, berichtete er. Dabei war er doch stark!
Menschen aus allen Teilen der Erde kamen in die ehemalige Kaserne, es gab Lärm und Streit.

Immer wieder kauerte Habib mit angezogenen Knien hinter den Etagenbetten und träumte von seiner fernen Heimat, den Freunden, der Großmutter und den Verwandten. Manchmal weinte er dabei. Lange lebten sie schon in diesem Zimmer.
Arbeit hatte Vater nicht. Er spielte im Aufenthaltsraum mit anderen Männern Karten, die Eltern stritten häufig. Mutter beklagte sich und war manchmal krank. Sie hatten noch eine kleine Schwester bekommen, die weinte viel. Obwohl sein Vater hartnäckig versprach, bald gebe es eine Wohnung und Arbeit, hatte Habib die Hoffnung verloren.
Nur wenige Menschen aus diesem Deutschland kannte er, die Jungen beim Fußballspiel waren Flüchtlinge wie er. Nach dem Sommer würde er endlich in die Schule gehen und deutsche Kinder kennenlernen.

Er hatte noch nicht gefrühstückt als die Polizei kam. Sie brachten die Familie zum Flughafen und setzten sie in ein großes Flugzeug. Mutter liefen Tränen übers Gesicht, sie hielt still das Baby. Der Vater schimpfte zuerst, verstummte aber bald.
Habib und seine Schwester saßen dicht aneinander gedrängt auf einem Sitz.

Einen echten Lederfußball hatte Habib nicht bekommen.


©
























Freitag, 15. Februar 2019

Prickelnde Brause

Es gibt Tage, an denen wir Erinnerungen zur Gegenwart machen, indem wir einfach eine Wahrnehmung wiederholen oder neu erleben.

Oder einen Geruch – wie zum Beispiel den von Brausepulver, das wir mit Spucke auf der Hand auflösen und schlecken. Oder die Explosionen des Pulvers im Mund, wenn wir es einfach reinschütten!
Tüte auf, Zunge raus, Kopf in den Nacken, rieseln lassen, warten, bis das anfangs schier unerträglich saure Gefühl nachlässt, süßigkeitenglücklich fühlen, schlucken, nächste Ladung rieseln lassen!



Und so schieben wir alle Grundsätze gesunder Ernährung beiseite und erinnern uns an eine Zauberwelt von Natron, Weinsäure, Zucker und Aromen.

Nehmt ein Tütchen und probiert!

Mittwoch, 13. Februar 2019

Ein Baum- Denk-Mal

Die Buche am Elternhaus


Eine junge Frau pflanzte nach ihrer Hochzeit eine kleine Buche, die sie am Wegrand entdeckt hatte. Sie hegte das Pflänzchen, goss es in trockenen Zeiten, jätete das Wildkraut in seiner Umgebung.
Sie tat alles, damit aus dem Sämling eine große Buche werden konnte.
Diese Frau, meine Ahnin vor mehr als hundertzwanzig Jahren, erlebte mit dem Baum die Jahreszeiten. Sie sah ihn viele Jahre wachsen. Als sie alt war, spendete ihr die Buche Schatten. Ihre Kinder bauten eine Bank unter das Blätterdach. Manchmal stellten sie im Sommer Tische und Stühle dazu und feierten. Im Winter setzten Kinder einen Schneemann auf die Bank, ein altes Foto zeigt sie lachend mit ihrer Schöpfung. Abends traf sich manchmal ein Liebespaar auf dieser Bank und träumte sich in eine gemeinsame Zukunft.

Während der großen Kriege hüteten die Nachfahren der Frau die inzwischen stattliche Buche, damit sie nicht zu Brennholz wurde. Ihr Anblick war ihnen Trost und schenkte Gedanken an Dinge, die über die täglichen Aufregungen hinausgingen. Der Baum war ein Teil ihrer Heimat, die Erinnerungen machten ihn zu einer unverwechselbaren Buche.

Was geschähe, würde jemand diesen Baum fällen? Es bliebe die Erinnerung an ihn, solange noch ein Mensch lebte, der den Baum gekannt hatte. Und sogar darüber hinaus, weil diese Menschen anderen von dem Baum erzählen könnten, den es einmal gegeben hatte. Das Bild mit dem Schneemann bliebe, jemand hätte vielleicht eine Zeichnung des Baumes in seiner alten Schulmappe, ein Flurname erinnerte an die Buche,...
Lange würde es dauern, bis nichts mehr eine Erinnerung wecken könnte.
Jene erste Handlung des Pflanzens rückgängig zu machen ist unmöglich. Dieser Buchensämling wuchs und nahm sich Raum.

Wenn wir das Leben lieben, sollten wir uns der Vergangenheit und Zukunft bewusst sein. Im Heute muss durch Nachdenken und Handeln nach bestmöglichen Wegen gesucht werden wie gutes Leben für uns und andere möglich ist.
Mehr Mut zu visionärer Hoffnung bei klarem Blick für die Gegenwart wäre gefragt, ein Denken und Handeln, das nicht alle von Menschen geschaffenen Gegebenheiten als Naturgesetze akzeptiert, sondern über scheinbare Grenzen hinausdenkt.

©











Dienstag, 12. Februar 2019

Fingerfood

Tatort : Cafeteria eines Thermalbades in der Schweiz
- Der heimliche Esser -

Ein Mann, etwa fünfzig Jahre alt, übergewichtig, Stirnglatze und Pferdeschwanz, modisch gekleidet, kommt zur Salatbar.
Salat nach eigener Wahl kostet auf einem kleinen Teller sechs Franken, auf einem großen elf. Die Essbestecke liegen an der Kasse, Dekoration und Beleuchtung schaffen behagliche Nischen rund um die ausgestellten Speisen.

Der Mann hat in der linken Hand einen kleinen Teller. Diesen füllt er mit dem berühmten Schweizer Wurstsalat. Bei dieser Arbeit übermannt ihn der Appetit, er steckt immer wieder etwas Wurstsalat in den Mund - mit seiner Hand, den
Servierlöffel legt er solange ab. Als der Teller sehr voll ist beginnt er, um das
Buffet gehend, diesen Teller per Hand zu leeren. Kauend schaut er die Auswahl an,
kein Schnipsel fällt auf den Boden. Seine hastige Aktion ist bald erledigt.
Nun geht er zum Möhrensalat und füllt seinen Teller neu. Wohl zur Belohnung schlendert er zurück und steckt zwei weitere Happen Wurstsalat in den Mund.
Er wischt sich Hände und Mund mit einer Serviette ab.

Locker geht zur Kasse, kauft ein Mineralwasser und nimmt Besteck. Strahlend und betont schwungvoll kommt er an einen Tisch, an dem eine schlanke, elegante Frau vor einem großen Salatteller sitzt und genüsslich ein Bier trinkt.
Sie schaut auf seinen Teller und das Mineralwasser und lobt ihn.
Der Mann strahlt. Beide essen zufrieden und führen dabei eine angeregte Unterhaltung.




Montag, 11. Februar 2019

Gespräch im IC



Der Gerüstbauer - Begegnung im IC

Geboren in Berlin Mitte, stolz auf seinen Stadtteil. Über die Zeit vor der Wende hat er keine Erinnerungen mehr, war er noch Kind, sagte er. Verdient prima, hat eine Eigentumswohnung gekauft in seinem Stadtteil, modern, mit Tiefgaragenplatz. Den braucht er nicht, weil er kein Auto hat. In Berlin ist ein Auto nur lästig, meint er. Er leiht sich eines, wenn er es braucht. Seine Freundin studiert Betriebswirtschaft, sie wohnt bei ihm. Heiraten wollen sie irgendwann, aber Kinder in Berlin möchten sie keine. Große Scheiße, wie die Kinder hier in der Stadt leben, das wollen sie Kindern nicht zumuten.
Er fährt zu seiner Oma aufs Land, bei Erfurt. Da können Kinder leben, dort kann auch er leben. Er sagt, das sei der Ort, an dem er sich grenzenlos wohl fühle. Er ist voller Vorfreude auf seine Oma und die Verwandten, eine große Familie sind sie dort. Von Politikern hält er nicht viel, wirtschaften doch eher für ihresgleichen, behauptet er. Aber er ist gegen Techniken, die der Umwelt schaden, gegen Atomkraft und Gentechnik.

So sitzt er vor mir: Ein junger Mann mit Glatze, riesige Tätowierungen an den Armen, Minihandy in der Sporttasche, auf dem Weg zu seiner Oma. Er hatte mich nur angesprochen, weil er Feuer für seine Lucky brauchte.

Wenn er von seiner Oma sprach, kam soviel Wärme in seinen Ausdruck, dass ich diese Oma beneidete. Und von der Landschaft um das Dorf schwärmte er fast wie die alten Erzähler.
Sonst ist er ganz cool. Jemanden in der Stadt helfen findet er unnötig, jeder solle selbst sehen wie er zurechtkommt, denkt er. Ihm gehe es gut, seiner Freundin auch. Und wenn er Zeit habe, fahre er zu Oma, andere Urlaubsziele brauche er nicht. Das ist jetzt so, sagt er, wie es später sein wird, weiß er nicht.

Sonntag, 10. Februar 2019

Erkenntnisse - Profiwissen

Fachleute unter sich


Töpferkurs für Fortgeschrittene, zwei Tage am Wochenende, der erste Tag war lang. Nach 21 Uhr gab es kein Essen mehr im Tagungshaus in der Eifel.


Gott sei Dank war im Dorf ein Fest, in der Nähe stand das Festzelt.
Es roch vor dem Haus vermutlich besser, als es schmecken würde, trotzdem trieb mich der Hunger zum Zelt.
Ein etwa vierzigjähriger Mann stand allein am Tresen: blonde Wuschelmähne, Augen so blau wie ein Sommerhimmel. Er schaute mich freudestrahlend an als ich mich neben ihn stellte.

Ich fragte den Mann am Grill nach einem Wurstbrötchen.

Kein Problem, wenn Ihnen das leicht verbruzzelte Würstchen nichts ausmacht“, antwortete der Grillmeister hilfsbereit. Geschickt bereitete er mir mit wenigen Handgriffen einen Imbiss, wollte nicht einmal Geld dafür!

Mein Tresennachbar erkundigte sich, ob ich im Tagungshaus bei einer Fortbildung sei.
Töpferkurs“, äußerte ich kauend.

Wir unterhielten uns über Töpferscheiben und handgeformte Arbeiten.
Interessiert fragte er, welchen Brennofen ich benutzte.
Irgendwann erkundigte er sich, bei welcher Temperatur ich meine Arbeiten brenne.
1200 Grad“, antwortete ich.
Das ist aber viel, hätte ich nicht gedacht! Ich meinte, nur wir würden so hoch erhitzen“, staunte er.

Woher haben sie denn diese Erfahrung mit Brenntemperaturen?“ wollte ich wissen.

Ich arbeite im Städtischen Krematorium Darmstadt “, war seine verblüffende Antwort.




© Roswitha

Samstag, 9. Februar 2019

Werden

Menschsein

Werden
Wir schlüpfen
aus unserem Kokon.
Arbeit und Schmerz,
bevor wir uns entfalten.

Manche bleiben
für immer Raupen.


 

Freitag, 8. Februar 2019

Kaufhaus im Dorf


Kaufhaus im Dorf - immerhin gibt es noch eines! Bitte von der richtigen Seite her anfahren.
Die Eule als Signet - steht es unter Naturschutz?

Mittwoch, 6. Februar 2019

Kontaktsuche

Kontaktsuche

Ich bin hinter meiner Schutzmauer,
aber ich sehe alles.
Du bist doch auch hinter deinem Wall.
Werden wir uns näher kommen?
Was könnten wir spüren?
Siehst du mich lachen hinter
der Mauer?
Warum ist sie so starr?

Co. RGP

Dienstag, 5. Februar 2019

Feierabend

Die Zeit läuft rückwärts

Brockmüller war einer der Menschen, nach denen man sprich-
wörtlich seine Uhr stellen konnte. Vom morgendliche Aufstehen
bis zum Schlafengehen erledigte er präzise wie ein Uhrwerk
alle notwendigen Verrichtungen des Tages.
Gewiss, er war freundlich. Aber auf eine Art, die seinen inneren
Zeitplan nicht gefährdete. Ein paar unverbindliche
Worte zum Hausmeister im Finanzamt, seiner Arbeitsstätte,
oder zu Nachbarn gehörten selbstverständlich zu seinem Um-
gang mit Menschen, denen er im Alltag begegnete. Durch diese
Korrektheit glaubte er zweifellos, seinerseits ein Anrecht
auf einen reibungslosen Ablauf der Tage zu haben. Das Single-
leben war wohlgeordnet, er hatte sich einen Lebensrahmen
geschaffen, der frühere beunruhigende Turbulenzen
seiner Meinung nach ausschloss.
Auch heute war er pünktlich um 16.30 Uhr aus dem Büro
gegangen. Er schritt zur Rückseite des Gebäudes, wo er immer seinen
Mittelklassewagen parkte. Neben dem Auto stand
eine junge, unbekannte Frau, die ihn anschaute. Der direkte
Blick dieser Frau war ihm sehr unangenehm. Er ging an ihr
vorbei, setzte sich ins Auto und fuhr weit ausholend um sie
herum. Irritiert nahm er im Rückspiegel ein zaghaftes Winken
wahr.
Er fühlte sich belästigt! Fast hätte er eine rote Ampel über-
sehen. Irgendwie erleichtert schloss er heute seine Haustür
hinter sich und begann die übliche Feierabend-Routine.

Nach dem Abendbrot legte er eine Langspielplatte mit Musik
von Beethoven auf.
Kurz bevor er den Kopfhörer aufsetzen konnte klingelte es.
Verärgert über diese Störung riss er abrupt die Türe auf.
Schon wieder diese junge Frau !
" Sie wünschen?" fragte er barsch.
" Ich muss Sie sprechen, es ist ganz wichtig, auch für Sie",
stammelte die Frau.
Brockmüller wollte endlich seine gewohnte Ruhe wiederhaben
und entgegnete ungeduldig: "Bitte, so sprechen Sie doch!"
Die Frau schaute ihn an und flüsterte: "Ich habe gestern
erfahren, dass Sie mein Vater sind."

© Roswitha 

Montag, 4. Februar 2019

Mundraub



Mundraub?


Ich bekenne mich schuldig
ohne Berechtigung
ein Sakrament empfangen zu haben.
Einzig ein abgelaufener Taufschein
lag vor.
Ist es Mundraub?
Ich war hungrig nach Gemeinschaft,
ließ mich einladen
und ging zu Tisch.

Erwarten mich in Zukunft
Ausweiskontrollen am Altar?
Muss ich damit rechnen,
dass die Priester in Zukunft
ihre Schäfchen persönlich kennen?
Wirkt der Leib Christi nur bei
Mitgliedern?
Ist Gott katholisch?
Roswitha (früher katholisch, konvertiert
zur Ev. Kirche wg. Scheidung)

Sonntag, 3. Februar 2019

erfahrung beim älterwerden


ERFAHRUNG BEIM ÄLTERWERDEN

Noch winzig, keinen Meter groß. Endlich kann sie laufen. Allein geht sie aus der offenen Tür in den Garten. Glücklich lächelnd über die eigene Geschicklichkeit wankt sie behutsam den holprigen Weg zum Sandkasten entlang.
Eben hatte es geregnet, die kaputte Regenrinne tropft noch. Sie schaut auf die glitzernden Blätter des Frauenmantels, berührt eines zaghaft. Diamantengleich rollen die Tropfen über das Blatt. Andächtig beobachtet sie, wie die Wassertropfen von oben auf die Blätter fallen, und hält ihre kleine Hand unter das Rinnsal. Sie leckt die Hand ab und schaut wieder nach oben. Freudestrahlend reckt sie ihre Hand ganz hoch, den spärlichen Tropfen entgegen. Sie spürt das Wasser in den Ärmel rinnen, kichert, und will das Wasser mit beiden Händen auffangen.

Plötzlich kommt ein großer Mensch und schimpft ganz fürchterlich.
Der Zauber ist zerstört.

Wasser ist für lange Zeit nur noch nass.



Samstag, 2. Februar 2019

DER VERLORENE MENSCH

Einen Bleistift kann man verlieren.
Manche verlieren ihre Schlüssel.
Aber einen Menschen?
Was bedeutet das?
Und wenn er es nur selbst spürt?
Ist er dann weniger verloren
oder mehr?


co. rgp


Freitag, 1. Februar 2019

Winter



Der Feuerkorb soll euch wärmen, dann freut euch über den Winter. Wenn es keine Jahreszeiten mehr gäbe, fehlte etwas.

träumend auf der Wiese

Christian Morgenstern: Philanthropisch Ein nervöser Mensch auf einer Wiese wäre besser ohne sie daran; darum seh er, wie er ohne diese (meis...