Dienstag, 21. Juni 2022

Reisen durchs Leben

                                                     

Vom "gelingenden Leben" handeln viele Märchen. Wem gelingt das Leben in den Märchen?

"Es gelingt denen, die die Fähigkeit haben, nicht nur sich selber, sondern die Menschen und die Welt um sich herum wahrzunehmen. Und es gelingt denen, die dem folgen, woran sie ihr Herz gehängt haben, die irgendeine Leidenschaft antreibt. Und es gelingt denen, die an ihre eigenen Möglichkeiten glauben, die grundsätzlich Vertrauen in das Leben haben." (Verena Kast, Vom gelingenden Leben, dtv 2000)

Ich erkenne beim Lesen der Geschichten oft einen Wechsel zwischen Tatkraft und geduldigem Abwarten. Die Heldinnen und Helden der Märchen sind keine Menschen, die sich durch ihr Tun optimieren, sich trainieren für kommende Herausforderungen. Sie gehen ihren Weg, weil sie es als richtig ansehen, und sie haben dabei ein Grundvertrauen und werfen nicht gleich alles hin, wenn etwas nicht klappt. Schritt für Schritt kommen sie zu ihrem Ziel, trotz alledem, was unterwegs passiert. Leider sind es in den meisten bekannten Märchen Jungen oder Männer, die eine Heldenreise beginnen.

Ein Prinzessinnendasein fand ich als Mädchen nicht attraktiv, ich wollte lieber in die Welt ziehen und Abenteuer erleben. Ich wollte auch keinen Prinzen, um mir dann alles vorschreiben zu lassen und artig zu sein. Ich hatte tausend Ideen die nicht an umständlicher und zu schonender Kleidung scheitern sollten. Was war ich froh, als etwa in der sechsten Klasse Hosen für Mädchen auch in der Schule tragbar wurden. Das Leben lud immer ein zur Aktivität, leider gab es damals zu viele Stoppschilder für Mädchen.

Wie war das bei euch, den Leserinnen? Oder bei euch Lesern, konntet Ihr euch mit einem Märchenhelden identifizieren?

Gelesen habe ich unter anderem  Ada von Christian Berkel. Bei diesem Buch erlebte ich nun  nicht zum ersten Mal, wie ein Folgeband eines gelungenen Debüts schiefläuft. Die Idee, das Buch in Ich-Form zu erzählen scheint mir nicht schlüssig. Außerdem hätte diesem Roman ein strengeres Lektorat genutzt.

Dann trieb mich die Sehnsucht nach Berlin und ich las nochmal in Walter Benjamin, Stadt des Flaneurs. Dieses Buch erstaunt mich wieder. Immer neue Entdeckungen: " Es war ein prophetischer Winkel. Denn wie es Pflanzen gibt, von denen man erzählt, dass sie Kraft besitzen, in die Zukunft sehen zu lassen, so gibt es Orte, die die gleiche Gabe haben. Verlassene sind es meist, auch Wipfel, die gegen Mauern stehen, Sackgassen oder Vorgärten, wo kein Mensch sich jemals aufhält." 

Wo gibt es in meinem Ort solche Winkel? Ich werde weiter suchen.





8 Kommentare:

  1. Märchenhaft ist unser Leben nun nicht gerade, aber ein paar Orte, die uns Kraft geben und inneren Schub, die gibt es schon noch, zum Glück.
    Einen lieben Heutegruss,
    Brigitte

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    1. und selbstvertrauen haben wir, angemessen reagieren und agieren zu können. einen guten wochenstart für dich, gruß roswitha

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  2. Identifizieren konnte ich mich mit allen Figuren, die versucht haben, sich für das Menschliche, für den Respekt untereinander, für ihren Glauben an die Schönheit des Universums, für die Freiheit einzusetzen. Winnetou war so ein persönlicher Held der Kindheit.
    Keine Figur aus einem klassischen Märchen, jedoch verkörperte er in meinen Augen das, was mir wichtig war und ist: Respekt vor der beseelten Natur und vor den Menschen.

    Übrigens erlebe ich, dass auch im Heute noch viele Stoppschilder für Mädchen aus dem Weg geräumt werden müssen. Ganz erstaunlich, wie viele Mütter auch noch immer "typische Mädchen" heranerziehen möchten. Und dies nicht nur in "anderen" Kulturkreisen.

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    1. Pierre Briece = Winnetou 🐎
      Mein Held und Schwarm aus Mädchentagen 👍
      Wollte zur Bundeswehr, später in den Entwicklungsdienst = ging damals beides nicht 🤦‍♀️
      Habe Architektur/Bauingenieurwesen studiert und wurde - als Frau - weder gleichberechtigt behandelt, geschweige denn akzeptiert und bedaure diesen Beruf gewählt zu haben 🤷‍♀️

      Herzlichste WE Grüße
      von Annette ☀️ 🌾 👩‍❤️‍👩

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    2. winnetou war auch für mich ein held. die benachteiligung der mädchen durch geschlechtsprägung mit spielsachen(es gibt sogar rosa Plastikbohrmaschinen!) und verhaltensnormen haben leider viele frauen zu verantworten. also stärken wir den mut unserer geschlechtsgenossinen, ermuntern wir zu widerspruch und lehren und lernen wir, für uns einzustehen.
      liebe annette, ich beneide dich um dein studium, hätte ich gerne auch studiert. ich glaube, da ich aus einem
      handwerkerhaushalt komme hätte ich mit den männer umgehen können. aber ich kenne deine geschichte nicht, und störrisch waren die männer immer, auch im gemeinderat etc.
      danke für die kommentare, herzlich, roswitha

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    3. Du erwähnst hier einen weiteren ganz wichtigen Aspekt, Roswitha: Nämlich, dass gerade Frauen Mädchen prägen und dies auch zu verantworten haben!
      Was ich ebenso vermisse, ist vielerorts eine achtsam gelebte Frauensolidarität! Zu sehr steht das allgegenwärtige Konkurrenzgehabe im Wege ...

      Nicht zuletzt sind es auch Frauen, Mütter wie Großmütter, die so vielen kleinen Mädchen noch immer weltweit das furchtbare Ritual der Beschneidung antun!

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  3. Das mit den Mädchen heutzutage ist leider wahr und mannigfaltig zu beobachten...(und auf diesem Wege DANKE für das kecke, muntere Postkärtchen, hat mich überrascht und SEHR gefreut!)

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    1. das ist leider so, und schön wenn eine überraschung klappt, denke dran: nicht müde werden..., herzlich roswitha

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