Mittwoch, 31. Dezember 2025

kommt an mein lagerfeuer


allen hier lesenden wünsche ich hoffnung und zuversicht. ganz wichtig finde ich den mut, euch utopien auszudenken: für euch selbst in eurem leben, so wie für unsere gesellschaft. wenn wir nicht wissen wohin wir wollen, haben wir kein ziel, das uns anzieht.  





 

Samstag, 27. Dezember 2025

frost und fülle

winter ist, leichter frost und der jahreswechsel steht bevor. die nachrichten möchte ich nicht hören, freute mich aber gestern abend über einen leider kurzen bericht über die münchener lach- und schießgesellschaft. diese darsteller hatten schon viel erlebt, in verschiedenen berufen gearbeitet und den krieg überwunden, das prägte ihre auftritte. die art ihres humors war irgendwie gereifter als manche darstellung, die heute geboten wird. vieles ist so auf einen kurzen lacher aus bei den comedians, und leider auch oft ohne niveau.
"schimpf vor zwölf" hieß früher eine silvestersendung, die wir mit spannung erwarteten. satire vom feinsten, ohne das ich in trauer fallen musste wegen erwähnter tatsachen, humor heißt auch, über sich selbst lachen können. 

 

  "Ich fühle mich in der ganzen Welt zu Hause, wo es Wolken und Vögel und Menschentränen gibt" sagte Rosa Luxemburg.

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die schriftstellerin helga schubert(85 Jahre) schreibt unter der überschrift "Lebenstopf" unter anderem:

..."Viel umgeändertes Wissen

Kafka-Unheimliches

Mozart-Flöten, Streicheln

Blitzangst, Donnererlösung

Hilflose Tränen

Um Freunde im Dunkelwarm

Ein Kind.

Mein Topf Leben quillt über, Bilder, Stimmen, Geräusche, Gefahr. "

 

es bleibt spannend, so ist leben... seid alle gegrüßt, roswitha 


 

Dienstag, 23. Dezember 2025

Der Stern und die Krippe



unsere krippe, geschnitzt aus lindenholz, außerhalb der weihnachtszeit ist sie zugeklapp wie ein kleines schränkchen. die kleinste enkelin bestand vor jahren auf diesen drei schafen, weil in eine krippe tiere gehören, sagte sie. darek, ein polnischer holzschnitzer, gestaltete sie vor jahrzehnten in unserem auftrag. in den jahren hat sich meine beziehung zur krippe geändert. 
was ist nur mit den menschen los? warum sollte es an weihnachten schnee geben, wo doch die geburt in einem land stattfand, in dem es in der ebene nie schnee gibt? 
weihnachten ist kein fest für schnee, es ist ein winterfest mit religiösem brauchtum, inzwischen vielfach profanisiert. 
mich freut, dass es rund um die welt als festtag wahrgenommen wird. freude kann nicht zu viel in dieser welt sein. und freundlich miteinander umgehen ist auch wunderbar. schenken wir anderen menschen zeit, nehmen wir uns zeit für uns selbst.
all dieser schreckliche egoismus, diese wettkämpfe mehr oder besser, um macht und reichtum bringen uns zurück in eine zeit, die ich überwunden glaubte. 
 
ich wünsche allen hier lesenden behagliche festtage im kreis der menschen, mit denen ihr gerne zusammen seid. 
 
Der Stern

Hätt einer auch fast mehr Verstand,

Als wie die drei Weisen aus Morgenland,

Und ließe sich dünken, er wär wohl nie

Dem Sternlein nachgereist wie sie;

Dennoch, wenn nun das Weihnachtsfest

Seine Lichtlein wonniglich scheinen läßt,

Fällt auch auf sein verständig Gesicht,

Er mag es merken oder nicht,

Ein freundlicher Strahl

Des Wundersternes von dazumal.

-Wilhelm Busch- 
 

 

Samstag, 20. Dezember 2025

lesen und auszeiten

                                                      unsere haustüre mit sternen und regenbogen 


die zweitletzte woche des jahres beginnt am montag. ich bin total überrascht, wie schnell dieses jahr vorbeiging. eigentlich erschreckt es mich mehr, äußerlich hat sich nicht viel getan. meine gehbaren kreise wurden kleiner, dafür habe ich nun ein refugium in der nähe, in dem niemand bestimmte tätigkeiten von mir erwartet. ich darf malen und schreiben, lesen und träumen, ohne das die waschmaschine ruft. es ist so, dass ich als hausfrau auch in teilrente gehe, nach über sechzig jahren kochen und sorge für andere. noch nie im leben habe ich allein gelebt, die paar tage im monat kommen mir wie urlaub vor. ich freue mich und fühle mich privilegiert, mein mann und ich verstehen einander. 
ausprobieren was mir in den sinn kommt finde ich so spannend wie meine geduld für neues trainieren. 

 helga schubert
beschreibt in ihrem neuen buch "Luft zum Leben"(dtv) geschichten vom übergang in verschiedenen phasen ihres frauenlebens. sie wurde in berlin kreuzberg geboren 1940 und hat ihr ganzes leben überwiegend in berlin gelebt. sie schreibt: " Ich bin eine echte Berlinerin, in der Unterform der Ostberlinerin, so leid es mir tut." " Wie tolerant und weltoffen bin ich als Ostberlinerin gegenüber meinen Mit-Ostbürgern, den Hasserfüllten, den Destruktiven, den Gleichgültigen, den Nichtwählern, den Lügnern..." , fragt sich sich, und fährt fort: "wie tolerant und weltoffen bin ich mir selbst gegenüber? Denn sie sind alle ein Teil von mir...".                                                                                                                        ich empfehle dieses buch sehr, habe ich doch hier die zerrissenheit des lebens in einer diktatur und den übergang in eine demokratie an vielen beispielen lesen können. frau schubert kam mir nah, ich würde gerne mit ihr reden.  

ganz anders, und mir manchmal ein wenig mystisch, war das zweite buch: Tahar ben Jelloun, Die Nacht der Unschuld, Rotbuch Verlag(1988). ein mann beschloß, dass sein achtes kind, wieder ein mädchen, sein sohn sein solle. ein kraftvolles buch über eine mir unbekannte welt. der studierte philosoph geht auf die spur eines mann/frau-geschöpfes. ein fesselndes buch, trotz der fremdheit.

das dritte buch bekam ich von einer bloggerin geschenkt, ich freue mich sehr darüber. John Williams, Stoner, dtv(2013, vorher 1965).  ein buch über die kraft der literatur, ein buch über ein scheinbar genügsames leben, in dem alles vorkommt: freundschaft, ehe, leidenschaft, familie, krieg, liebe. dieser junge mann von der farm, den es hungerte nach büchern und lernen, bewegte mich sehr. seine welt im inneren zirkel der uni ist mir fremd, sein leben kam mir nah.

 euch allen eine angenehme weihnachtswoche mit menschlich bereichernden begegnungen wünsche ich.

Sonntag, 14. Dezember 2025

zwei kleine italiener und tonio schiavo

                                                       Foto: Uli Boll, Manderscheid

 

  Das Abkommen, das der deutsche Bundesminister für Arbeit Anton Storch und der italienische Außenminister Gaetano Martino am 20. Dezember 1955 in Rom unterzeichnen, war das letzte einer langen Reihe von Abkommen, die Italien seit 1946 mit europäischen, südamerikanischen und ozeanischen Ländern abgeschlossen hatte. 

heute morgen hörte ich im radio, dass vor genau achtzig jahren mit italien ein abkommen über die entsendung von arbeitern nach deutschland unterzeichnet wurde. im interview ein mann, der damals als siebzehnjähriger mit seinem vater nach geislingen gekommen war, sie sollten bei WMF arbeiten. untergebracht wurden sie in baracken hinter stacheldraht. er sei damals sehr erschreckt gewesen, erzählte er. die bevölkerung wurde als ablehnend erfahren, sie blieben lange in ihrer gruppe.

Zur Auflösung der Fußnote

in dem jahr begann mein schullaufbahn, ich wusste noch nichts von italien. später wurde italien unser traumziel für urlaubsreisen, die wir nie antraten. aber bald gab es auch erste eisdielen, und es gab viele schlager, die das italienische lebensgefühl besangen. im jahr 1962 gewann conny froboess mit dem lied "zwei kleine italiener" den 6. platz beim grand prix. aber es gab auch degenhardts lied(1971) über tonio schiavo, den gastarbeiter, der bei einer auseinandersetzung auf dem bau starb. in dem lied beschrieb degenhardt die wohnungen der gastarbeiter: 

"Im Kumpelhäuschen oben auf'm Speicher, mit zwölf Kameraden vom Mezzogiorno.
Für hundert Mark Miete und Licht aus um neun, da hockte er abends und trank seinen Wein
Manchmal schienen durchs Dachfenster rein..."
 
fernweh bei uns: in meinem kinderzimmer bekam ich eine ecke mit "eisdielen- tapete", eine schwarzgrundige tapete mit eisdielen und typischen mobilar, sonnenschirmen, bunten blumen und palmendeko. die männer trugen hüte, die frauen hochhackige schuhe und röcke mit petticoat. in der pubertät schwärmten wir für die söhne des eisdielenbesitzers, die einzigen uns bekannten jungen italiener(es gab auf dem land keine industrie). 
 
vor jahren in sprach ich mit einem ehemaligen"gastarbeiter", er hatte 45 jahre in HD gearbeitet. die auswirkungen der arbeitsimmigration auf sein leben lernte ich dadurch anders kennen: er war nun alt, ohne familie und kinder, ohne soziale kontakte war er in sein geburtsland zurückgekehrt. das heimweh hatte eine sehnsucht wachgehalten nach etwas, das es nicht mehr gab.  
 
 

 

Sonntag, 7. Dezember 2025

aufmucken und schauen


Heidelberg mit Berghotel Königsstuhl
 
ich komme aus dem kopfschütteln garnicht raus: diese ach so engagierten jungen menschen der JU machen sich um ihr geld sorgen und mucken auf. dafür hätte es wahrlich schon driftigere gründe gegeben. mich wundert nicht das widersprochen wird, sondern der anlaß. wie war das mit dem klimaschutz und den kosten, wenn er ignoriert wird und extreme ereignisse milliarden kosten(ahrtal, ...)? warum sagt ihnen niemand, das wir keine ersatzerde haben? wir haben auch keine exterristischen trinkwasserspeicher, falls das wasser knapp wird. wir trinken auch in nordbaden bodenseewasser, aber diese versorgung ist angreifbar, und ohne strom klappt sie schon garnicht. 
es ist ja leider eine relativ homogene bevölkerungsgruppe, deren angehörige der berufsweg in die parlamente führt. halten sie es für gerecht, wenn ihre einkünfte nicht zur allgemeinen sozialversicherung herangezogen werden(natürlich wie die anderer, gutgestellter berufsgruppen)? warum reichen einige jahre im parlament, um mehr rente zu bekommen, als manche aus niedriglohngruppen nach vierzig jahren? 
ich will keine neiddebatte, aber die bessere kenntnis anderer lebensumstände würde sicher dazu beitragen, vorsichtiger mit forderungen an die gesetzgeber umzugehen. 
 
unsere demokratie ist nicht nur von rechts bedroht, sondern von allen menschen, denen chancengleichheit und gerechtigkeit gleichgültig sind. unser land braucht geld um diese lücken zu verkleinern, mit vermögenssteuer, erbschaftssteuer und abgaben aller für die sozialversicherungen. länder wie österreich und schweden haben die rentenreform vor jahren durchgeführt, wir verschlimmbessern immer wieder irgendwo. aufgeschoben für ausschüsse ist keine lösung, es gibt expertisen.
 
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Zu wissen dass wir zählen
mit unserem Leben
mit unserem Lieben
gegen die Kälte
für mich, für Dich, für unsere Welt"
(Aus: Ruth C. Cohn: "Zu wissen dass wir zählen", Zytglogge, Bern, 1990, Vorspann) 

 

Mittwoch, 3. Dezember 2025

Begegnungen unterwegs

                                                  Begegnung, Foto Uli Boll, Manderscheid

es war ein tag voller freude, unsere erste enkelin saß im historischen kinderwagen und war mit ihren eltern teil des festumzuges. wir gingen mit unserer mitbewohnerin hedwig zum umzug, das war 1993. ich holte die enkelin mit dem kinderwagen ab, die großtante wollte zurück, so trafen mein mann und ich uns mit den gefährtinnen auf dem feldweg zwischen den dörfern. wir waren froh und unser freund hatte seine kamera dabei. eine bleibende erinnerung, das kind ist inzwischen dreiunddreißig, hedwig starb mit siebenundneunzig, wir sind nun grauhaarig und weniger aufrecht. 

gestern ging ich über den weihnachtsmarkt und durchs städtchen. als mir die beine schmerzten setzte ich mich auf den rollatorsitz. da lief eine familie mit einem kleinen jungen, vielleicht 2-3 jahre alt. er strahlte mich an, ich lachte, er ging hinter mich und wollte den rollator schieben. sein vater nahm ihn auf den arm und sagte, das könne er nicht. er weinte herzerweichend, auch mein winken tröstete ihn nicht. ich fühlte mich berührt.

begegnungen oder ein lächeln und spontane gesten geben uns nahrung zum leben. es trägt viel zur  atmosphäre im ort bei, wie wir einander begegnen. und genau hier liegt unsere macht, ein teil der menschen zu sein, denen nicht alles egal ist. 

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"Simone Weil schrieb über Gleichgültigkeit, dass sie eine Form der Gewalt ist, die man nicht tolerieren dürfe, weil sie die menschliche Würde missachtet und die Übel der Welt verdeckt.
Ein zentrales Zitat ist nicht direkt verfügbar, aber ihre Gedanken zu Gleichgültigkeit finden sich in ihren Schriften, wie beispielsweise in Bezug auf das Leid und das Vermeiden, sich dem zu stellen, was sie als eine Lüge ansah. Sie sah die Gefahr der Gleichgültigkeit und die Notwendigkeit, sich dem Leid ohne Furcht zu stellen." Netzfund 

also sorge ich, wach zu bleiben und genau zu schauen. und gleichzeitig diesen kriegstreibern nicht die macht über meinen alltag zu lassen, sondern auch anderes zu suchen, zu sehen und zu erhoffen, den freiraum füllen, der uns gehört. 
 

Kleinstadtbeobachtungen

 Reklame ohne Strom zu verbrauchen, handwerklich hergestellt und aufgehangen, hält jetzt seit fast einhundert Jahren. Unterhalb dieser alten...