Mittwoch, 8. Juni 2022

Alter eine Frage des Mutes?


Als der alte Mann starb hinterließ er

nur wenige kleine Kästen mit Dingen

die ihm nun nichts mehr bedeuteten.

Was später mit diesen Dingen geschah

hatte nichts mit dem Mann zu tun

aber viel mit Sterben.

roswitha

ja, ich glaube schon dass es mut braucht, um bewusst alt zu werden. es nicht einfach geschehen zu lassen und denken, oh nein, ich bin noch nicht alt. alt sind die grauhaarigen, die im einkaufsmarkt im weg stehen, die kreuzfahrten auf dem rhein wunderbar finden und zum seniorenkaffee der kirche eingeladen werden. und plötzlich wird man zum siebzigsten gratuliert, oder zum fünfundsiebzigsten. in der tageszeitung gibt es immer häufiger todesanzeigen von menschen, die im eigenen alter gestorben sind. man denkt sich, der oder die waren bestimmt krank, aber ich bin ja fast gesund. und morgens schmerzt beim aufstehen das knie, irgendwo knirscht es manchmal in den knochen. haare werden dünner, anderswo kommen welche, wo noch nie welche aufgefallen sind. man muss großzügiger mit sich werden, denke ich. und geduldiger, weil: angst vor dem alter lähmt. 

pflegen wir doch unsere lebendigkeit, feiern wir sie trotz alledem! das leben ist bunt und hinter jeder ecke gibt es überraschungen wenn wir hinschauen.

unsere welt fordert uns, aber den überforderten menschen geht es nicht besser, wenn uns auch schlecht geht. sie brauchen hilfe und anteilnahme, nicht unser lamento.

Tröstliche Erkenntnis zum Thema Gestaltwandel bei Ovid:
Alles verändert sich nur, nichts stirbt.

oder Gottfried Herder: Der ganze Lebenslauf eines Menschen ist Verwandlung.






 

8 Kommentare:

  1. Oh ja, ich kann jedes Wort von dir unterschreiben. Mutig sein statt lamentieren oder die Wirklichkeit verschleiern ist das Beste, was man tun kann. Sich dem Alter stellen und sich jeden Tag dem Leben und den kleineren oder grösseren Freuden zuwenden, das hilft.
    Mit herzlichem Gruss,
    Brigitte

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    1. es ist schön das du mitmachst, alter ist normal wenn man nicht jung sterben will. ich grüsse herzlich zurück, roswitha

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  2. Annette Molner9. Juni 2022 um 09:29

    DANKE 🙏
    lb Roswitha 👩‍❤️‍👩

    So ein wahrer Beitrag und sehr lebensbejaend ☀️🌿🌹

    "Aufgabe des Lebens, seine Bestimmung ist Freude.
    Freue dich über den Himmel,
    über die Sonne,
    über die Sterne,
    über Gras und Bäume,
    über die Tiere
    und die Menschen.“
    (Leo Tolstoi)

    Jeden Tag sagt mir mein Körper:
    ICH altere... 🤷‍♀️
    und lass es DICH merken!!!
    🆗... so ist es eben,
    und ich genieße jeden Tag ☀️☁️🌿🤗

    Herzlichsten Donnerstag-Gruß von Annette 🥰🙋‍♀️

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    1. wenn wir mit der nase zum boden gesenkt laufen können wir vieles nicht sehen von den dingen, die tolstoi aufzählt. und vielleicht würden wir auch gegen wände gehen, oder? liebe annette, flanieren wir weiter und schauen überall hin. herzlichen gruß, roswitha

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  3. Die Lebensmitte wohl auch schon lange überschritten, mache ich die wertvolle Entdeckung, dass Altern ganz gewiss auch ein bewussteres Handeln mit sich bringt. Man selektiert mehr, in Wichtiges und Unwichtiges, was kann warten, was will einfach nicht mehr warten und gelebt werden.
    Auch, wenn der jugendliche Übermut längst abhanden gekommen ist, ich entdecke in anderen Bereichen mehr Leichtigkeit.
    Und es ist nicht mehr so wichtig, was andere über einen denken. Wichtiger ist mir, mit mir selbst im Reinen zu sein.

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  4. gut finde ich auch, dass ich nicht mehr jung sterben kann wie meine eltern, deren alter habe ich lange hinter mir. und gut ist auch, dass ich unabhängiger geworden bin. kommt auch daher die leichtigkeit, die du meinst? freundliche grüsse von roswitha

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    1. Entschuldige bitte, Roswitha, ich habe Deine Frage erst jetzt entdeckt ...
      Eine gewisse Leichtigkeit (im Sein, im Handeln) sehe ich auch dadurch gegeben, dass man sich bestenfalls unabhängiger macht von anderen - nicht nur von deren Meinungen, sondern auch im eigenen Vermögen, mit sich selbst klarzukommen. Sich selbst zu entdecken, mit all seinen Möglichkeiten, aber auch Grenzen, die man setzen möchte: Was tue ich mir noch an, was nicht mehr? Wo entdecke ich Freiräume für mich?
      Wo bin ich gerne mit mir allein, ohne jede große Ablenkung? - Ja, auch dieses "Mit-Sich-Alleinsein-Können" halte ich für eine große Errungenschaft, für eine gewisse Erleichterung im Umgang mit einer oft sehr (vor-)lauten menschlichen Umwelt. Liebe Grüße!

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    2. Leider habe ich Deine Frage nach der Leichtigkeit erst gestern entdeckt - und dann ist auch noch meine Antwort entschwunden ...
      Also zweiter Versuch :-)
      Auch aus meiner Erfahrung schafft Unabhängigkeit Erleichterung, Leichtigkeit. Da kann ich Dir absolut zustimmen, Roswitha!

      Ich erkenne zunehmend, dass Loslassen (auch von Dingen) mehr Raum zulässt: Immer deutlicher wird mir, dass Besitz beschweren kann. So gesehen möchte ich auch nichts mehr sammeln, ja, ich löse mich auch von Dingen.
      Genauso wie von Glaubenssätzen, Einstellungen, Handlungsweisen und auch von Menschen, die längst nicht mehr gut tun.
      Unabhängigkeit von Beschränkungen, die wir uns selbst auferlegen - oder auferlegen lassen.
      Eine Leichtigkeit zu leben, bedeutet wohl aber auch, sich von dem zu lösen, was mich mir selbst fremd macht. Mein Tempo verfälscht hat. Was kleingehalten hat.

      Leichtigkeit - den Wandel annehmen lernen und den Kreislauf des Lebens mitfließen ...
      Liebe Grüße!

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die welt sichbar bunter machen

Auszüge aus: Sibylle Berg, Wie halte ich das nur alles aus?, dtv, tb 2015, Seite 13- 15  "... dieses Gefühl, Veränderungen bewirken zu ...