Donnerstag, 30. Juni 2022

Muße und Langsamkeit




 " Weshalb ist das Vergnügen an der Langsamkeit verschwunden? Ach, wo sind sie, die Flaneure von einst? Wo sind sie, die faulen Burschen der Volkslieder, diese Vagabunden, die gemächlich von einer Mühle zur anderen zogen und unter freiem Himmel schliefen? Sind sie mit den Feldwegen, den Wiesen und den Lichtungen, mit der Natur verschwunden? Ein tschechisches Sprichwort beschreib ihren süßen Müßiggang mit einer Metapher: sie schauen dem lieben Gott ins Fenster. Wer dem lieben Gott ins Fenster schaut, langweilt sich nicht; er ist glücklich.

In unserer Welt ist der Müßiggang zur Untätigkeit geworden, und das ist etwas ganz anderes: der Untätige ist frustriert, er langweilt sich, ist beständig auf der Suche nach der Bewegung, die ihm fehlt."

Zitat aus: Milan Kundera, Die Langsamkeit, Hanser 1995  

Mir fiel beim Lesen zunächst einmal auf, dass nur von Vagabunden, Burschen und Flaneuren die Rede war. Gab oder gibt es auch Vagabundinnen und Flaneurinnen? Die weibliche Gegenstück zu Burschen wäre Mädchen, das finde ich auch unpassend, es verniedlich die Person, während sich Burschen so aktiv und kraftvoll anhört.

Früher wäre ich sicher gerne eine Vagabundin gewesen, eine freundliche und witzige Frau, die ohne Angst ihre Welt anschaut und erobert ohne zu unterdrücken. Ich wäre gerecht und stark gewesen, mit ganz viel Kraft und Zärtlichkeit. Aber das kann ich auch heute als alte Frau sein, wer oder was sollte mich hindern? Und zwischendrin bin ich Flaneurin und freue mich zu leben. 

Müßiggang ist aller Laster Anfang, lehrte mich meine Mutter. Lange dauerte es, bis ich den Fehler erkannte. Müßiggang ist Offenbarung, ein Angebot des Lebens und Luxus, er lehrt mich denken.  

14 Kommentare:

  1. Ich bin sehr erfreut über Deinen aktuellen Gedankenbeitrag! Vielen Dank dafür, Roswitha!

    Die Stelle aus dem Roman "Die Langsamkeit" ist toll gewählt, bringt sie doch Essenzielles zum Ausdruck: Die Freude an der Langsamkeit wiederzuentdecken! Mein Credo seit Jahren, allerdings nicht immer verstanden. Schade, denn die Menschen hasten dahin, an wesentlichen und köstlichen Momenten vorbei - und werfen umgekehrt mit Vorwürfen um sich, wenn Menschen sich bewusst wieder dem Staunen zuwenden.

    Ja, gerade Frauen neigen dazu, eine zu schelten, die Vagabundin sein möchte. Fällt mir auch in der Gegenwart auf. Eine "Work-Life-Balance" achten zu wollen, kann einer ebenso schiefe Blicke einbringen. Ich frage mich immer, was ist los mit jenen, die andere immerzu belehren wollen? Wer hat zu entscheiden, wie jemand leben möchte? Niemand anderer kennt das "Warum" eines Menschen ...

    Ein Filmtipp zum Thema: "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran" - ein wunderbarer Film, mit einem berührenden Omar Sharif in größter Ausdruckskraft!

    Ich grüße herzlich!

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    1. danke für die ausführliche antwort über die ich gerne nachdenke. den film finde ich auch sehr bewegend. herzlichen gruß, roswitha

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  2. Flanieren finde ich eine wunderbare Tätigkeit - auch heute - und gebe mir ihr gerne hin, so ab und an.
    Danke für die schönen Zeilen auch im Hinblick auf die weibliche Seite. Ja, ich finde auch, es müsste ein passenderes Wort als Pendant zu Burschen geben. Mädchen ist zu kindlich-sanft...
    Herzlichen Gruss,
    Brigitte

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    1. so flanieren wir, schön..., herzlichen gruß, roswitha

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  3. Du hast recht, die Flaneurinnen werden vergessen. Das sollte nicht sein.

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    1. also gehen wir frauen schon mal los, flanieren um die ecken. gruß roswitha

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  4. Ach Roswitha, immer wieder bringst du so Schönes aufs Tapet! Lieben Gruß von Sonja

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    1. schließe der der bewegung flanierender frauen an, eine neue, alte idee. herzlich, roswitha

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  5. Flanieren,
    liebe Roswitha,
    mag ich sehr. Mochte ich immer schon. Auch als Mädchen ;)
    Eines meiner Lieblingsbücher damals war übrigens Astrid Lindgrens 'Rasmus und der Landstreicher'.
    Bestimmt gab es auch Flaneurinnen/Vagabundinnen.
    Leider kommt mir spontan keine in den Sinn...

    Lieben Gruss vom Lande
    Hausfrau Hanna

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    1. ich werde mal in büchern suchen. viel freude beim langsamen gehen, wo auch immer. gruß roswitha

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  6. Annette Molner1. Juli 2022 um 19:48

    "Die Natur eilt nicht und dennoch wird alles erreicht.“

    (Laozi, chinesischer Philosoph, lebte im 6. Jahrhundert v. Chr.)

    Ich liebe die Muse der Langsamkeit und "schaue so gerne den Dingen zu" (frei nach Rilke)

    LB Roswitha 👩‍❤️‍👩
    DANKE für den herrlichen Beitrag und wünsche ein beschauliches WE,

    herzlichst ☀️🌻🌾 Annette 🙋‍♀️

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    1. liebe annette, schauen wir staunend den dingen zu, aber schubsen wir auch welche an, zum beispiel die bewegung flanierender frauen ;-). herzlich, roswitha

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  7. Ja, die Muße ... Das Schwierige ist, dass es für diese Form des Müßiggangs eine gewisse "Verfasstheit" braucht. Wenn man so unmittelbar aus der Hektik fällt, läuft der innere Motor ja meistens noch weiter und will in irgendwelchen Handlungen/Aktionen münden. Drum reisen die Leute ja auch so gern, denke ich. Für die Muße braucht es ein Mindestmaß nicht nur an äußerer Langsamkeit, sondern auch an innerer Ruhe. Dann kann sie ihre Kräfte entfalten.
    In diesem Sinn wünsche ich ein solches Wochenende! :)
    Liebe Grüße, Andrea

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  8. übung macht die meisterin, also pausen im alltag, damit es einen gleichklang zwischen aktivität und passivität geben kann. wir sind ja keine hamster im rad. herzlich, roswitha

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