Donnerstag, 29. Juni 2023

Berlin -Taxi, letzte Fahrt 1966



 Letzte Fahrt

Der Schuldenberg von der Familiengründung und Umzug war abgetragen und ich hätte einfach mit dem Taxifahren aufhören können. Aber Woche für Woche verschob ich die letzte Fahrt. Das Geld konnten wir auf dem Sparbuch gut gebrauchen.

Eines Tages hatte ich eine Fahrt von Steglitz zum Bahnhof Zoo. Zwei nette alte Damen waren meine Fahrgäste. Sie schienen glücklich, aber auch traurig zu sein. Sie erzählten mir, dass sie Schwestern seien und sich seit dem Mauerbau nicht mehr gesehen hatten. Die Mauer stand 1966 fünf Jahre. Westberliner durften nicht in den Osten. Doch nun bekamen ostdeutsche Rentnerinnen die Erlaubnis zur Reise nach Westberlin, zum Verwandtenbesuch. Es war offensichtlich, dass die Regierung hoffte, die Rentner blieben im Westen, damit die DDR die Rente für die Alten sparen könnte.

Wir waren gerade in der Nähe des Insulaners als eine der alten Damen rief: „Mein Gott, meine Schwester, helfen Sie mir!"

Im Rückspiegel sah ich, dass die Ostberliner Schwester ohnmächtig war. Über Funk meldete ich das Problem. Die Antwort der Funk-Zentrale kam sofort: „Fahren Sie zum Auguste-Viktoria-Krankenhaus." Dieses Krankenhaus war ganz in der Nähe. Ich fuhr so schnell wie möglich. Am Tor standen schon Pfleger mit einer Trage bereit. Sie hoben den leblosen Körper vorsichtig aus dem Wagen und ab ging es in die Notaufnahme. Die weinende Schwester lief hinterher. Nach kurzer Zeit kam sie zu mir, bezahlte den Fahrpreis und sagte unter Tränen: „Meine Schwester ist verstorben." 

Verlegen verabschiedete ich mich und sagte über Funk: „Liebe Kollegen, ich mache Schluss mit dem Taxifahren, eben ist mein letzter Fahrgast gestorben."

Wer meine Aufzeichnungen liest könnte meinen, dass Taxifahren ein aufregender und interessanter Job sei. Das Gegenteil ist der Fall, eigentlich ist die Arbeit langweilig und auch ein wenig stupide. Meist wartet man, in der Wartezeit kann man nichts tun. Viele lesen die Bildzeitung vom ersten bis zum letzten Satz. Daraus bilden sie sich ihre Meinung. Kontakte mit Kollegen sind äußerst selten. Über Funk ist das anders, wenn man einen Ort nicht kennt oder Probleme hat, sind alle sofort bereit zu helfen. 

Werbung: www.skulpturenpark-seckach.de  und  www.skulpturenpark-odenwald.de  (bad könig)   Filmtipp: jim jarmusch, night on earth (ein wunderbarer film über taxifahrten in weltstädten, u.a. mit armin müller-stahl)

5 Kommentare:

  1. Eine berührende Geschichte,
    liebe Roswitha,
    der letzten Taxifahrt: Er war ein ganz besonderer, menschenfreundlicher und einfühlsamer Mensch, der Taxifahrer aus Berlin.
    Danke für den Beitrag und einen herzlichen Gruss in den letzten Tag des Juni
    Hausfrau Hanna

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    1. Schließe mich an, Sonja

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    2. ja, paul war besonders, es gibt viel von ihm zu erzählen. danke für eure kommentare. die welt wird anders, wenn menschen mitfühlen. herzlichen gruß, roswitha

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  2. Was für ein dramatischer Schlusspunkt nach all den Taxifahrten.
    Sehr traurig und doch so ganz aus dem Leben, das jederzeit zuende gehen kann...
    Ich lasse liebe Grüsse hier,
    Brigitte

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    1. es kommt nochmals etwas von taxifahrer paul, herzlichen gruß und danke, roswitha

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