Samstag, 17. Januar 2026

Kleinstadtbeobachtungen


 Reklame ohne Strom zu verbrauchen, handwerklich hergestellt und aufgehangen, hält jetzt seit fast einhundert Jahren. Unterhalb dieser alten Reklame ist das Schaufenster einer verlassenen Bäckerei. Sie ist insolvent, seit Wochen geschlossen. Seit Jahren läuft im Schaufenster ein großer Bildschirm, um für ihre Produkte Werbung zu machen. Er zeigt nicht lieferbare Produkte an, bietet auch verschiedene Sorten Kaffee sowie "cafe- to-go". Währenddessen frißt er Strom und schmälert die Summe der Insolvenz.  

Sieht niemand diesen Wahnwitz? 

Vorher war im Nebengebäude eine Niederlassung von "Toni", sie versuchten viele Kunden für schnelles Internet zu gewinnen. Auch hohe Vertragsabschlüsse führten nicht zu reibungslosem Ablauf der Bauarbeiten, es fehlten vielleicht Bauarbeiter. Dann wurde die Firma übernommen, der Name änderte sich. Die Bauarbeiten stocken weiterhin. 

Ein Schaufenster ging in der Nacht zu Bruch und die Besitzer verkleideten das leere Schaufenster mit einer kunstvollen Installation. 

Die Touristen fragen was das ist und warum es so ist, seit über zwei Jahren am zentralen Marktplatz. Die Gesetze sind zahnlos, obwohl das historische und denkmalgeschützte Ensemble verunstaltet wird. Außerdem verrotten die wunderbaren Fenster der kleinen Erker über diesem Schaufenster.

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 Der moderne Weltuntergang wird sich so vollziehen, daß gelegentlich der Vervollkommnung der Maschinen sich die Betriebsunfähigkeit der Menschen herausstellt. Den Automobilen gelingt es nicht, die Chauffeure vorwärts zu bringen.

Karl Kraus 

 

8 Kommentare:

  1. Karl Kraus ist einfach klasse! - Ich kann mir vorstellen, wie deprimierend der Zerfall der Infrastruktur sich in den nun so Jahrhunderte alten Häusern widerspiegelt ( ich hab es in Buchen & Walldürn allerdings schon sehr viel länger so beobachtet ). Es fehlt in unserem Land aber auch der Sinn für das historisch Gewachsene, für Schönheit, wie ich es in Frankreich z.B. erlebt habe, auch abseits der Touristenrouten. Ich hab mir das immer für uns so gewünscht. In den östlichen Bundesländern hat das, dank Subventionen durch die EU teilweise besser funktioniert.
    Bon week-end!
    Astrid

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    1. danke, liebe astrid, da müssen wir nacharbeiten, herzlich grüßt roswitha

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  2. Lb Roswitha 👩‍❤️‍👩
    Traurige Beispiele 👀
    der unsagbaren Tragödien
    in diesem Lande 🏗️
    zeigst DU da auf 😞

    "Wir müssen
    endliche Enttäuschungen hinnehmen,
    aber wir dürfen niemals
    die unendliche Hoffnung verlieren.“
    (Martin Luther King, Jr.)

    Herzlichen Sonntagsgruß
    mit
    GLAUBE - LIEBE - HOFFNUNG ... 🍀❤️🙏🏻
    Annette 🫂

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    1. hoffnung muß trainiert werden, herzlichen gruß, roswitha

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  3. Tja, traurig ist das.
    Manches scheint an allen Ecken und Enden zu serbeln.
    Und wegschauen hilft leider auch nicht ... Seufz.
    Dennoch liebe Sonntagsgrüsse, Brigitte

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    1. also dann immer mal wieder hinweisen, und selbst anders machen, lieben gruß, roswitha

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  4. och nö! leider sieht mans immer öfter. diese schönen alten schilder mag ich sehr! am liebsten über noch "gängigen" läden oder gast-
    stätten...
    lieber gruß
    Sylvia

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    1. müssten eigentlich auch geschützt werden, wie anderes. lieben gruß, roswitha

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