Donnerstag, 6. April 2023

Frühling Leidseplein in Amsterdam


                                                       

AMSTERDAM, Leidseplain

Frühlingsgrün die vielen Bäume. Blütenblätter schwammen in Schwärmen auf den Grachten. Es roch nach Benzin, Kebap und modrigem Wasser. Temporeich die Bewegungen in der Straße, ein buntes Gewirr aus Straßenbahnen, Bussen, Taxis, Zweiradfahrern, Autos und mutigen Fußgängern.

Eine Ecke weiter, am Hotel Americain mit dem berühmten Literatencafe, warfen Blumenbeete mit tausenden weißer und blauer und rosa Hyazinthen betörende Duftfallen aus. Schön geschwungene Holzbänke luden zum Verweilen ein.

Der Leidseplain umfing mich mit Bildern von lebhafter Vielfalt. Ich wurde Teil des Platzes, bewegte mich im Strom der Menschen, ließ mich verzaubern von Details und genoss das Ganze. Es gab Schau – Spiele, deren Drehbuch den Akteurinnen selbst neu schienen:

Zwei blonde Frauen, wohl Anfang dreißig gingen, scheinbar zielstrebig, vorüber. Plötzlich blieb eine stehen, lachte und begann zu steppen. Dabei schnippte sie mit den Fingern und verbeugte sich graziös nach ihrem improvisierten Stepptanz.

Ich klatschte Beifall, zwei ältere Frauen von der Nebenbank fielen ein, gelöst und heiter lachten wir uns an. Die "Leichtigkeit des Seins“ wurde spürbar! Die jungen Frauen liefen lachend weiter. Meine Nachbarinnen erklärten, sie seien aus Brasilia. Leider konnten sie kein englisch und ich kein portugiesisch. Ihrer melodischen Unterhaltung hörte ich zu und überlegte worüber sie so angeregt reden könnten. Die Freude über jenen spontanen Tanz hatte uns einen Moment lang verbunden.

Ein junger Mann von vielleicht fünfundzwanzig Jahren breitete eine glatte Folie in einer Ecke des Platzes aus. Er sagte, er sei aus Nigeria und reise tanzend um die Welt. Anschließend warf er seinen Kassettenrecorder an und eine furiose Vorstellung begann: Breakdance der akrobatischen Art. Er wirbelte auf seinem Kopf so um die eigene Achse, dass einem fast schwindlig wurde, tanzte gestützt auf eine Hand, bewegte sich, als wisse er nicht mehr oben und unten zu unterscheiden, schlug Saltos aus dem Stand. Dabei hörten wir einen Sprechgesang vom Band. Alles an dem Tänzer war dunkel, seine Kleidung, sein Helm, seine Haut. Umso mehr fielen sein lachender Mund und seine Augen auf.

Am Ende dieser atemberaubenden Vorstellung sagte er, er lebe vom Applaus, aber für die Eisenbahn brauche er Geld. Er bekam viel Applaus und leider wenig Geld!

Eine Weile später, das Publikum hatte sich wieder verlaufen, gingen vier junge Mädchen vorüber. Sie blieben an einer Laterne stehen, eine nahm ihre Brille ab und streifte sich zwei Augenklappen über. Sorgfältig arrangierten ihre Freundinnen die beiden Gummibänder unter dem langen blonden Haar. Danach setzte sie ihre Brille über die Augenklappen und ließ sich von den anderen führen.

Ein neues Spiel? Selbsterfahrung? Hörtraining? Die vier gingen vergnügt weiter.

In der aufkommenden Dämmerung begann ein Jongleur seinen Auftritt: Spiel mit zwei laufenden Motorsägen, Spiel mit Machete, Motorsäge und Apfel - am Ende war der Apfel gegessen! Zum Schluss jonglierte er mit drei brennenden Fackeln auf dem Hochrad. Sehr spektakulär, sehr laut und sehr gekonnt!

Freitagmittag fuhren demonstrierende Stadtarbeiter am Platz vorbei. In ihren Haaren leuchteten gelbe Bänder. Laut hupend forderten sie Lohnerhöhung. Ein Streikbrecher - Team  der Stadtreinigung kam trotz der Demo zum Platz. Der Arbeiter hielt einen Saugrüssel über den Papierkorb, sein Kollege im kleinen Müllauto drückte einen Knopf, ein leises Plopp und leer war der Papierkorb. Flott, hygienisch und notwendig, Burger King, Mc Donalds und Co. sei es nicht gedankt. Müll als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, dieser Aspekt ist neu und unbefriedigend.

Abends mischten sich die Parfümwolken der Theaterbesucher mit dem Geruch des Tages. Die Leuchtreklame am Eckgebäude der Versicherung gegenüber dem Hotel Americain flimmerte grell, darunter funkelte rot eine Laufschrift mit Nachrichten und Börsenberichten.

Schräg gegenüber ist die Stadsschouwburg, das Stadttheater, ein prächtiges Gebäude mit schönen alten Lampen! In der Dunkelheit blinkten die Lichterketten im Geäst der Platanen am Leidseplain und wetteiferten mit den Lampen darum, die Szene angemessenen auszuleuchten.

Irgendwann zwischen dem Trubel der Nacht und der Morgendämmerung glaubte ich, den Atem der Stadt zu spüren.

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mit diesen erinnerungen an einen frühlingsurlaub vor fünfundzwanzig jahren wünsche ich allen hier lesenden angenehme feiertage. möget ihr etwas von der leichtigkeit erfahren, die ich damals spürte, die mir eine wertvolle erinnerung wurde.

 

15 Kommentare:

  1. Unglaublich fein beschrieben und zwar so, dass bunte und bewegte Bilder bei mir entstehen, ohne vor Ort gewesen zu sein. So ein schöner Urlaub, ja, an Amsterdam denke ich in den letzten Jahren auch immer wieder: Ich bin ganz sicher, dass es mir dort sehr gefallen würde.
    Ach, so viele Orte und Städte, die sich anbieten, um tolle Erfahrungen zu machen - manchmal wäre ich gerne immer wieder am Aufbrechen! Jedenfalls hast Du hier tatsächlich eine herrliche Leichtigkeit verbreitet und dafür mein Dankeschön!
    Von Herzen auch für Dich angenehme und frohsinnige Feiertage! Ich freue mich auf ein Wiederlesen!
    Ganz liebe Grüße, C Stern

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    1. danke, ja, amsterdam war immer erlebnisreich, eine wunderbare stadt. herzlichen gruß, roswitha

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  2. Da schließe ich mich einfach mal an.Und war noch nie in Amsterdam.
    Alles Gute
    Sonja

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    1. liebe sonja, fahre hin, außerhalb der reisezeiten, lohnt sich. lieben gruß, roswitha

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  3. Schön, wenn Erinnerungen so lebendig und farbig bleiben.
    Ich habe gerne mitgelesen und die Geschichten bestaunt.
    (In Amsterdam war ich - wie Sonja - auch noch nie.)
    Frohe Vorostergrüsse,
    Brigitte

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    1. eine facettenreiche stadt, wir übernachteten dreimal bei der deutschen seemannsmission(ev.), die haben ein kleines hotel mitten in der stadt, kann jede mieten. lieben gruß, roswitha

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  4. Ich bin,
    liebe Roswitha,
    dir gern gefolgt nach Amsterdam und habe die herrlichen, lebendigen Schilderungen und Eindrücke genossen.
    Amsterdam kenne ich gut. Und das seit den Siebzigerjahren. Es gehört (immer noch) zu meinen drei Lieblingsstädten.
    Auch wenn ich wohl nie mehr hinreisen werde. So überschwemmt wie es wird mit Touristen...
    Mit einem herzlichen Gruss ins Osterwochenende
    Hausfrau Hanna

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    1. du stimmst mir zu, hoffen wir auf ruhige zeiten, ich war von 1966 bis 2011 sechsmal da, es war immer gut. lieben gruß, roswitha

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  5. Hallo Roswitha, zuerst dachte ich, dass die Geschichte von einer anderen geschrieben sein muss, da sie sich von deinem heutigen Schreibstil unterscheidet.
    Aber dann las ich, dass es eine Erinnerung ist, schon einige Jahre her. Ich war mit einer Fahrradgruppe 1993 dort, nicht nur in Amsterdam, auch in anderen Städten des Landes. Ich habe es deswegen so "verklärt" in Erinnerung, weil es die Tour war, auf der ich Heiko kennengelernt habe.
    Die Stadt mit ihrem vielen Wasser ist sehr schön - aber richtige Erinnerungen habe ich nicht mehr.
    Hier treten ja oft Kleinkünstler und Breakdance-Könner neben der Gedächtniskirche auf. Das ist schon erstaunlich, wie die sich bewegen.
    Liebe Ostergrüße von Clara

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    1. schön dass ich deine erinnerungen auch einmal geweckt habe, die stadt ist wirklich einen besuch wert. auch in berlin gibt es viel sehenswertes, und wasser auch. lieben gruß, roswitha

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  6. Fröhliche Ostern wünsche ich dir und Amsterdam habe ich in guter Erinnerung - fröhlich, lebendig, voller Leben, aber auch mit dunklen Ecken und Coffeeshops. Herzlichst, piri

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    1. die coffeeshops und die rote gasse liess ich aus, sonst gab es noch genug anderes, die erinnerungen sind bunt. danke für die osterwünsche, lieben gruß, roswitha

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  7. haaa! das ist schön beschrieben. Und es weckt die sehnsucht nach Amsterdam. da will ich noch mal hin, es ist eine wunderbare stadt! viele Grüsse Sylvis

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    1. liebe sylvia, so geht es mir auch. obwohl: an einem sonnigen warmen tag gibt es in vielen städten so manches zu beobachten. amsterdam hat dazu eine besondere architektur und die grachten, und viele freundliche menschen. vielleicht klappt es ja nochmal mit dem besuch. ich wünsche es dir, herzlichen gruß, roswitha

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  8. Sylvia sollte es heissen...

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in der welt (und bei sich) sein

" ...  an meinem Spiegel klebt das, weil ich es auch für mich selbst brauche. Als Erinnerung, jedesmal, wenn mein Gesicht mir entgege...