am 26. august 1956 ist die "Bravo" zum ersten mal erschienen. einige jahre später, ab 1961 etwa, kaufte ich die hefte regelmäßig. emsig tapezierte ich meine zimmerwände mit starfotos, später hatte ich sogar einen starschnitt von cliff richard. die aufklärungsseiten gab es leider erst ab 1969, zu spät für mich, da hatte ich bereits zwei kinder. unsere aufklärung lief noch voll katholisch, wir fuhren in jugendherbergen zu sogenannten "Einkehrtagen". ich erinnere mich an gespräche mit schulkameradinnen, die hinterher noch fragten, wie das denn nun ginge mit den männern. dazu bekamen wir übelste broschüren, z.b. darüber, dass mädchen ihre "unschuld" bis zur ehe bewahren müssen. ein buch ist mir besonders im gedächnis geblieben: "Das heimliche Königreich", das war wohl in meiner unterhose. im reliunterricht sagte der pfarrer, wenn sich z.b. ein baby freistrampelt, sollten wir eine windel über den unterleib legen - er hatte sicher nie ein baby gewickelt, da musste man sogar anfassen, was zu schauen verboten war. auch ohne babys, aber heimlich mit vielen schuldgefühlen entdeckten wir einander in den jahren vor einer aufklärung, die keine war.
zum 50. geburtstag der Bravo machte der arzt Dr. Martin Goldstein öffentlich, dass er seit 1969 bis in die 80er jahre die aufklärungsseiten betreute. ihn hatte als student gestört, dass sexualaufklärung sache von behörden und konservativen ärzten war. dieser arzt war auch psychotherapeut und religionslehrer und nahm seine aufgabe bei Bravo sehr ernst. das führte so zu konflikten, zwei ausgaben der zeitschrift wurden 1972 als jugendgefährdet eingestuft. in einem gespräch 2008 erinnerte er sich: "Ich habe darin die Selbstbefriedigung von Jungen und Mädchen beschrieben und gesagt, es sei nicht schädlich, sondern im Gegenteil". er hatte darauf hingewiesen, dass eltern und lehrer nicht dieser freien meinung seien und auch erwachsene onanieren.
das reichte für die Indizierung, Begründung: Geschlechtsreife allein berechtige "noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane."
die Bravo gibt es noch, las ich im artikel der RNZ, auch die anlaufstelle "Dr. Sommer" ist nach aussage der redaktion der Bravo noch eine vertraueswürdige anlaufstelle. über instagramm und andere kanäle erreichen sie heute knapp zwei millionen nutzer.

Mit der "Bravo" wurde ich erst so richtig Mitte der 1980er Jahre konfrontiert, als ich die Betreuung der Schüler übernehmen musste, die an keinem konfessionellen Unterricht teilnahmen ( "Ethik" gab es da noch nicht ). Das war immer donnerstags und die Schüler*innen kamen mit der frischen "Bravo" und forderten mich zur Stellungnahme heraus, zu dem, was da von Dr. Sommer veröffentlicht wurde. Auch da offenbarten sich mir viele Nöte, trotz angeblich sexueller Revolution und entsprechendem Unterricht in der Schule. Ich hatte Kinder vor mir, die heute wohl als queer bezeichnet würden und die nicht wussten, wohin mit ihren Selbsterfahrungen, Gefühlen, Ängsten, der Verunglimpfung. Diese Phase gehört mit zu meinen wichtigsten Erinnerungen an meine Zeit im Beruf. Wenn ich da heute höre, wie da von Indoktrination usw. gelabert wird, krieg ich nen Hals. Kinder & Jugendliche haben einfach keine Fürsprecher, Zuhörer, Menschen, die sie ernst nehmen.
AntwortenLöschenDas ist jetzt ein langer Kommentar geworden. Aber da ging mir grade was sehr nah.
Alles Liebe für dich!
Astrid