Freitag, 12. Juni 2026

gelber tüll und buchstaben- mut

                                                   Foto: Uli Boll, Manderscheid

der weg ist vorgegeben, man könnte ihn aber in beide richtungen gehen. nach links gibt es keinen zaun: ist das versuchung vom weg abzuweichen? 

der rechte stacheldrahtzaun hielte mich heute ab. vor siebzig jahren hatte ich einen zitronengelben petticoat aus zartem tüll. sehr stolz war ich, aber leider verhielt ich mich nicht "mädchenhaft" für diese kleidung. ich kroch zwischen zwei gespannten drähten aus stacheldraht auf die wiese. warum weiß ich nicht mehr, vielleicht wollte ich blumen pflücken. 

viele kleine risse im tüll gab es, auch im kleid einige wenige. heulend lief ich zu meiner tante rola und sie reparierte mir unter vielem schimpfen mein schmuckstück. es dauerte einige zeit, ehe meine mutter die fehlstellen bemerkte. dieser tüll- unterrock war der einzige seiner art im meinem leben. ich war kein mädchen für modische neuheiten, eher für den vierfalten-rock in pepita.

 


manchmal mußte ich vom vorgezeichneten weg abbiegen, meinen eigenen suchen. ich sah, es gibt auch andere. es stimmt nicht, dass verkündet wurde, wer A sagt, muß auch B sagen, es gibt auch F oder D oder...  

ich lese: Warum glücklich statt einfach nur normal?, Jeanette Winterson, Hanser - gefällt mir sehr, ist bewegend und anregend, voller denkanstösse.  


 

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