foto von barbara: sommermond
da euch allen der schwimmbad- bericht gefallen hat und euch am vorerst heissesten tag des jahres 2025 eine abkühlung gut tun würde, bringe ich nochmal einen alten text von mir. die länger hier lesenden werden mir hoffentlich verzeihen.
Der Querschwimmer
Der bebrillte Schwimmer durchfurchte
den rechten Rand des Beckens. Ohne Pause spurte er seine Bahn.
Niemand kreuzte seine Bugwelle.
Die anderen, meist Frauen, schwammen
unterschiedliche Bahnen, flexibel, wo immer sie Platz fanden. Mal
verschnaufte eine am Rand, mal schwammen ein paar als kleine Gruppe
und schwatzten miteinander. Ertrunkene Insekten von der
Wasseroberfläche sammelten sich in Dekolletes.
Rückenschwimmen gab es nach Lust und
Laune oder nach Sonnenstand. Problemlos, ohne Zusammenstoß oder
ungesunde Drehung des Halses, glitten die Freibadbesucher entspannt
durch das Wasser.
Alles hatte seine Ordnung, alle waren
zufrieden und genossen das allmorgendliche Ritual - bis zu jenem
Dienstag Anfang Juli.
Plötzlich war ein Neuer da, nicht mehr
ganz jung. Auch ihm wird freundlich zugenickt,
bevor die tägliche Routine beginnt. Der bebrillte Schwimmer strebt
zu seiner Bahn, zwei Frauen suchen sich ihre Bahnen in stummer
Rücksichtsnahme.
Der Grauhaarige zögert noch.
Die beiden Frauen und der
Sportschwimmer schwimmen fünfundzwanzig Meter hin, fünfundzwanzig
Meter zurück, hin und zurück…
Jeder im eigenen Rhythmus. Die fast
meditative Stille wird nur durch den Wellenschlag unterbrochen.
Dann geschieht das Unerhörte: der
Fremde plumpst ins Wasser!
Plätschert einfach quer durch das
Becken! Schwimmt von rechts nach links zwischen den Frauen hindurch,
allerdings ohne sie zu behindern.
Ihre Blicke krallen sich in seinen
Rücken. Was wagt dieser Neuling?
Er schwimmt lächelnd und ohne Plan und
Ziel!
Der Sportschwimmer zieht autistisch
seine Bahnen, die beiden Damen aber dümpeln miteinander flüsternd
am Rand.
Es dauert einige Schönwettertage, ehe
die neue Erfahrung alltäglich wird.